»Wir stehen ein für eine diskriminierungssensible Schulkultur«

Sebastian Oest ist Lernbegleiter an der Demokratischen Schule FLeKS in Hamburg, die 2017 eröffnet wurde. Er hat die Schule mitgegründet und vorher schon Erfahrungen an Demokratischen Schulen gesammelt.

Ein Interview mit Sebastian Oest

Ihr schreibt auf eurer Internetseite, dass ihr eine Schule sein wollt, die inklusiv und offen für alle ist, weil demokratische Bildung kein Privileg sein soll, sondern zugänglich für alle. Wie schafft ihr es, eurem Anspruch gerecht zu werden?

Es ist immer schwer zu sagen, ob man seinem Anspruch wirklich gerecht wird, aber wir bemühen uns sehr darum. Uns war es wichtig, vor der Gründung zu überlegen: Wie gründen wir diese Schule? Wen wollen wir mit der Schule erreichen? Wessen Perspektiven bringen wir in den Gründungsprozess mit ein? Wer soll zum Gründungsteam gehören? Wir wollten zum Beispiel nicht nur weiße Personen im Gründungsteam sein und nicht nur Personen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Wir wollten verschiedene Perspektiven mit einbringen.

Und so sind wir auch von Anfang an in die Öffentlichkeit gegangen. Wir haben ein klares Konzept gehabt und genau überlegt: An welchen Orten machen wir unsere Infoveranstaltungen, um den ganzen Stadtteil zu erreichen? Wie und in welchen Sprachen bewerben wir unsere Schule?

Wie sah eure Werbung denn aus?

Es gibt dieses klassische Bild: Man kann den ganzen Tag auf dem Baum sitzen! Aber ist das ein Ansatz, der Eltern abholt, die selbst sehr schlechte Bildungserfahrungen und sehr schlechte Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht haben? Und die sich wünschen: Mein Kind soll etwas Anderes haben!

Wenn eine Schule aus einer Elterninitiative heraus gegründet wird, dann ist dies klassischerweise ein weißes Bildungsbürgertum mit akademischen Abschlüssen oder einer Unilaufbahn. Und wenn diese Initiative dann noch andere Familien ins Boot holen will, dann muss sie natürlich sehr genau schauen: Wie kriegen wir das hin?

Das fängt bei der Auswahl der Lehrkräfte an: Wer repräsentiert unsere Schule? Wenn ein Konzept aus nur einer Perspektive geschrieben wird, dann fühlen sich andere Leute wahrscheinlich nicht eingeladen. Und an welchem Ort machen wir die Veranstaltungen, wo bewerben wir sie? Wir sind für die Infoveranstaltungen, die wir gemacht haben, bei uns durch den ganzen Stadtteil gezogen und sind in jeden Laden reingegangen – hier in Wilhelmsburg gibt es viele Imbisse, Handyläden, Kioske – und haben unsere Zettel dort verteilt, einfach um alle zu erreichen. Um auch die zu erreichen und bei denen Vertrauen in unser Konzept zu wecken, die nicht »freie Schule« im Internet eingeben.

Kannst du noch mal ein Wort zu eurem Stadtteil sagen? Was kennzeichnet den? Und wie ordnet sich eure Schule da ein?

Wilhelmsburg ist ein alter Arbeiterstadtteil, der sich ab den 70ern stark migrantisiert hat, der über lange Zeit einen eher schlechten Ruf in Hamburg hatte und in dem die Schulen auch sehr gefordert waren, mit den Schüler:innen umzugehen. In Hamburg gibt´s einen Sozialindex. Auf einer Skala von eins bis sechs liegen alle Schulen in Wilhelmsburg zwischen eins und zwei, das ist sozusagen das unterste Ende dieser Skala.

Und es ist ein Stadtteil, der zurzeit sehr stark gentrifiziert wird. Vor zehn Jahren gab es hier die Internationale Bauausstellung, hier verändert sich grade sehr viel. Aber nach wie vor gibt es sehr viele Schüler:innen mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte.

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