Wir lernen, was wir wollen!

Unter dieser Überschrift hat Martin Wilke in 24 Ausgaben des unerzogen Magazins zentrale Begriffe Demokratischer Schulen erläutert. Einen Auszug davon drucken wir nach. Von A wie Altersmischung bis Z wie Zertifizierung.

Martin Wilke

A wie Angebote

Unter den Begriff Angebote fallen in Demokratischen Schulen Unterrichtskurse, Projekte, von einer bestimmten Person zu bestimmten Zeiten betreute Räume (z. B. Werkstätten mit fachkundiger Begleitung), Exkursionen und vorbereitete oder angeleitete Tätigkeiten. Sie erstrecken sich meist über einen gewissen Zeitraum mit regelmäßigen Terminen und stellen somit feste, eingeplante Programmpunkte dar.

Angebote sind Veranstaltungen oder Aktivitäten, die nicht vom Lernenden selbst, sondern von jemand anderem initiiert werden. Meist gehen Angebote von den Erwachsenen aus, die in der Schule arbeiten. Sie können aber auch von Eltern, außerschulischen Anbietern oder anderen Schülern eingebracht werden.

Alle Demokratischen Schulen haben – per Definition – gemeinsam, dass die Schüler selbst entscheiden dürfen, was, wann und wie sie lernen. Sie unterscheiden sich jedoch zum Teil deutlich darin, welchen Stellenwert Angebote haben und wie sie zustande kommen. Das Spektrum reicht dabei von Schulen, in denen Unterrichtskurse entsprechend des staatlichen Lehrplans angeboten werden bis hin zu Sudbury-Schulen, in denen es praktisch keine Angebote gibt.

Jenseits des Lehrplans

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen ihr Wissen teilen wollen. In einer Umgebung, in der sich junge Menschen unterschiedlichen Alters und Erwachsene zwanglos begegnen, sollte ein solcher Austausch möglich sein. Allerdings macht es einen großen Unterschied, mit welcher Motivation jemand etwas anbietet: Ist er selbst begeistert von einer Sache? Oder bietet er etwas an, das ihn selbst im Grunde nicht interessiert, von dem er aber findet, dass Kinder sich damit beschäftigen sollten?

Wenn Schulen Angebote machen, steht dahinter oft die Frage, wie Kinder mit dem Wissen der Welt in Berührung kommen können – wie sie erfahren, was es überhaupt alles gibt. Dabei war es noch nie so einfach wie in der heutigen Informationsgesellschaft, sich über die Welt zu informieren. Es gibt nicht nur Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, nicht nur Radio und Fernsehen, sondern es gibt auch das Internet mit Wikipedia, Facebook und YouTube. Millionen von Artikeln und Millionen von Videos stehen auf Abruf zur Verfügung. Es gibt spezialisierte Anbieter für Lern- und Erklärvideos. Wer sucht, der findet. Und selbst wer nicht sucht, kann kaum vermeiden, auf vielfältige Informationen zu stoßen und Anregung zu finden.

Ein Spezialfall sind Angebote, die der Vorbereitung auf Prüfungen für die staatlichen Schulabschlüsse dienen, die in Deutschland nach wie vor eine große Rolle spielen. Bei diesen Angeboten sind die Themen im Grunde vorgegeben, und es geht auch nicht darum, ob die Schüler sich dafür interessieren. Das Ziel ist, Schüler, die dies wollen, dabei zu unterstützen, die Prüfungen zu bestehen.

Zumindest jenseits der Prüfungsvorbereitung könnten Demokratische Schulen es vermeiden, Angebote nach klassischen Schulfächern wie z. B. »Deutsch« oder »Biologie« zu benennen und auf diese zuzuschneiden. Statt einem »Deutsch«-Angebot könnte es eines zu Rechtschreibung oder noch konkreter zur Kommasetzung geben. Anstelle eines »Biologie«-Angebots könnte eines zu »Genetik« stattfinden, das auch ethische und geschichtliche Fragen einbezieht. Das Leben ist schließlich nicht nach Schulfächern eingeteilt – auch wenn die Ausbildung der staatlich zugelassenen Lehrkräfte überwiegend sehr wohl danach ausgerichtet ist.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?