»Ich hätte lieber so wenig Regeln wie möglich.«

David Gribble gründete die demokratische Sands School in England, ist Autor von acht Büchern rund um das Thema Bildung und häufig Vortragender über das Thema Demokratische Schulen. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen: Wer prägte den Begriff »Demokratische Bildung« und warum? Braucht es Regeln? David Gribble, ein Anarchist?

Mr. Gribble, Sie sind schon seit über 50 Jahren Teil der Bewegung demokratischer Bildung. Wir haben das Gefühl, dass die Anzahl der Menschen und Schulen zunimmt, die sich für diese Art der Bildung interessieren. Teilen Sie dieses Gefühl?

Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass es diese Entwicklung gibt. In den 50er Jahren, als ich meine erste Stelle an einer Demokratischen Schule bekam, wusste ich von Summerhill und Dartington. Ich wusste von sehr wenigen anderen in Großbritannien, aber von überhaupt keinen in anderen Ländern. Erst, als ich 1990 in Rente ging, hörte ich von Demokratischen Schulen in anderen Ländern. Auch zu der Zeit waren es noch nicht viele. Ich wurde neugierig und besuchte 18 Schulen in neun verschiedenen Ländern. Sie unterschieden sich erstaunlich voneinander und alle waren wundervolle Orte für Kinder. Ich wollte diese Informationen verbreiten.

Dann gab es eine Konferenz in Israel, zu der eine Gruppe von Sands eingeladen wurde. Für mich war das eine sehr langweilige Konferenz nur mit Philosophen und Pädagogikprofessoren und sehr, sehr wenigen Menschen aus der Praxis. Aber der Leiter der Demokratischen Schule von Hadera, Yaakov Hecht, war da. Er sagte, wir müssen ein Treffen der »Praktiker« haben. Und so gab es die erste IDEC – die da noch gar nicht IDEC hieß, sondern The Hadera Conference – an der viele Menschen aus Israel teilnahmen, jemand aus Österreich, ein halbes Dutzend Menschen aus England und jemand aus den USA. Im nächsten Jahr hatten wir die IDEC in der Sands School, dann in Österreich, dann wieder in Israel. Die Israelis dachten, das sei das Ende: Es waren lediglich etwa 15 Länder vertreten und sie dachten, es sei vorbei. Aber danach hatte Sands noch einmal eine kleine Konferenz. Es gab etwa siebzig Teilnehmer, sowohl aus dem Ausland als auch viele von Sands. Seitdem ist sie ständig gewachsen. Im Jahr 2000 in Tokio kamen tausend Besucher im öffentlichen Teil! Das war die größte IDEC, die wir jemals hatten. Auch die Anzahl der vertretenen Länder wächst stetig.

Was glauben Sie sind die Gründe dafür, dass dieses Konzept so viele Nachahmer gefunden hat?

Ich denke, es ist teilweise wegen der Lösungen in der konventionellen Bildung. Die Reaktion der meisten Regierungen ist, diese strikter und strikter zu gestalten. Es gibt aber eine Menge Leute, die würden lieber in die entgegengesetzte Richtung gehen: Sie würden lieber beim Kind ansetzen als bei der Ansicht Erwachsener, was getan werden müsste. Also ist es Teil der Reaktion auf die Regierung. Es scheint in fast allen Ländern gleich zu sein, dass die Regierung sich bemüht, Schulen konventioneller zu machen und jeden dazu zu bringen, dieselben Dinge zu lernen. Mehr und mehr Menschen sagen: Ich will nicht, dass sich mein Kind hinsetzt und Dinge auswendig lernt, die jeder andere auch lernt. Ich möchte, dass es fähig ist, Dinge allein zu tun, verschiedene Dinge, interessante Dinge.

Es gibt da eine alberne Geschichte, aber sie ist wahr. Sie handelt von Japan, wo das System in gewisser Hinsicht unglaublich rigide ist. Mir wurde diese glaubwürdige Geschichte von einem japanischen Freund erzählt. Diese Schule hatte Probleme im Speisesaal. »Probleme im Speisesaal« hieß dort wahrscheinlich, dass die Schüler zu laut sprachen oder etwas ähnlich Banales. Daraufhin wurde ein System eingeführt, dass jeder in der Schule ein Tablett mit Essen vor sich hatte, ähnlich der Tabletts in Flugzeugen, mit verschiedenen Dingen darauf. Ein Aufsichtsschüler stand auf einer Seite des Saals, rief: »Reis!« und jeder nahm sich einen Löffel voll Reis. Dann: »Milch!«, und jeder nahm einen Schluck Milch. Das ist nur eine Illustration dessen, wie Leute versuchen, Probleme zu kontrollieren, indem sie immer strenger werden. Das ist ein verrücktes Beispiel. Die Menschen sind mit dieser Art Entwicklung nicht zufrieden und gehen deshalb in die entgegengesetzte Richtung.

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