Regeln an Demokratischen Schulen

Eine Gemeinschaft ohne Regeln ist eine Gemeinschaft ohne Rechte. Warum eine Demokratische Schule nicht auf Regeln verzichten kann.

Henning Graner

Es gibt keine Gemeinschaft, die nicht über ein Repertoire an Normen verfügt. Jede Gruppe von Menschen bildet Umgangsformen, Gewohnheiten und Rituale heraus, die bald als selbstverständlich gelten und zu einem Teil der spezifischen Kultur einer Gruppe werden. In jeder Gemeinschaft, die eine kollektive Identität ausbildet, wird man unausgesprochene Regeln finden. Dass uns die unausgesprochenen Regeln oft nicht bewusst sind, liegt daran, dass sie Teil der Kultur sind, in der wir uns täglich bewegen. Wie wirksam sie sind, merken wir jedoch immer dann, wenn wir unsere gewohnte Umgebung verlassen und uns in eine fremde Kultur begeben.

Eine spontane Herausbildung von Normen innerhalb einer Gemeinschaft genügt allerdings nicht, um von einer Rechtsgemeinschaft sprechen zu können. Eine Rechtsgemeinschaft zeichnet sich durch das Vorhandensein von individuell zuschreibbaren und einklagbaren Rechten aus. Diese Rechte können in nichtkodifizierter Form als Gewohnheitsrechte vorliegen. In modernen Gesellschaften hat sich eine Kodifizierung von Rechten in Form von schriftlich niedergelegten Regeln jedoch weitestgehend durchgesetzt.

Wie aber kommt eine Rechtsgemeinschaft von Menschen zu eben jenen Regeln, mit welchen sie ihre Rechte kodifiziert? Wer stellt die Regeln auf, wer erlässt sie, wer hat Einfluss auf sie, wer kann sie verändern oder abschaffen? Die Idee einer Demokratie ist: diejenigen, auf die die Regeln angewendet werden, sollen auch über sie bestimmen können. Im Idealfall sollte jeder Beteiligte einen direkten Einfluss auf die Änderung von Regeln haben – man spricht dann von einer direkten Demokratie. Ist die Anzahl der Menschen in einer Gemeinschaft zu groß, kann es sinnvoll sein, eine Repräsentation einzuführen. Die Mitglieder der Gemeinschaft stimmen nun nicht mehr direkt ab, sondern delegieren einen Teil ihrer Gestaltungsmacht an gewählte Vertreter. Man spricht von einer repräsentativen Demokratie.

Eine Gemeinschaft ohne Regeln ist eine Gemeinschaft ohne Rechte

Die Rechte von jungen Menschen zu schützen, gehört zum Kern einer Demokratischen Schule. Dazu Bedarf es Regeln. Verzichtet man auf die Definition von Regeln, so verzichtet man auf die Definition von Rechten. Eine Gemeinschaft ohne Regeln ist letztlich eine Gemeinschaft ohne Rechte.

Demokratische Schulen funktionieren wie kleine direkte Demokratien. Jeder Teilnehmer an der Schule hat das Recht, in einer regelgebenden Versammlung mit abzustimmen. Wer genau zu dem Teilnehmerkreis dieser Schulversammlung gehört, ist nicht von vorneherein klar und bedarf einer Definition. Üblicherweise zählen alle Mitarbeiter und alle Schüler dazu, während Eltern keine Teilnehmer der Schulversammlung sind und ihre Interessen meist nur in der Trägerorganisation der Schule zum Ausdruck bringen können. Diese Konstruktion ist eine Illustration des Prinzips, dass nur diejenigen über einen Sachverhalt abstimmen können sollten, die unmittelbar von der Entscheidung betroffen sind.

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