Interpretationen Demokratischer Schulen

In diesem einführenden Artikel zu den unterschiedlichen Interpretationen einer Demokratischen Schule wird begründet, warum es eine Theorie der Demokratischen Schulen braucht, um ihre Vielfalt verstehen zu können.

Henning Graner

Demokratische Schulen treten mit einem hohen Anspruch an: Sie möchten die Rechte der Kinder und Jugendlichen schützen und sie umfassend an allen Entscheidungen bezüglich der Organisation der Schule beteiligen. Das Motto lautet: Selbstbestimmung in Bezug auf das eigene Leben und Mitbestimmung in Bezug auf die Gemeinschaft.

Bei der konkreten Umsetzung dieser Idee kommt es unter den Teilnehmern immer wieder zu Auseinandersetzungen, die nicht selten in Zerwürfnissen enden. Häufig beruhen die scheinbar unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten auf unterschiedlichen Vorstellungen davon, was eine Demokratische Schule ausmacht.

Tatsächlich gibt es keine universelle, allgemein anerkannte, einheitliche Definition einer Demokratischen Schule. Zwar wird immer wieder der Versuch unternommen, das Wesen einer Demokratische Schule mit Hilfe einer Definition einzufangen. Solche Versuche haben ihren Wert. Sie können jedoch den Blick dafür trüben, dass es unterschiedliche Interpretationen einer Demokratischen Schule gibt, die sich nicht allein durch eine Definition abbilden lassen.

Entweder ist eine Definition so eng gefasst, dass sie andere Interpretationen einer Demokratischen Schule ausschließt. Die Gefahr einer zu engen Definition liegt in der Idealisierung eines vermeintlich überlegenen »Modells«, was leicht zu Überheblichkeit führt, und eine geistige Verengung begünstigt. Diese Tendenz lässt sich häufig bei den Anhängern der Sudbury Valley School beobachten, welche meinen, in den sogenannten »Sudbury-Schulen« die einzig gültige Form einer Demokratischen Schule gefunden zu haben.

Demokratische Schulen möchten die Rechte der Kinder und Jugendlichen schützen und sie umfassend an allen Entscheidungen beteiligen.

Oder eine Definition ist so weit gefasst, dass sich aus ihr widerspruchslos unterschiedliche Interpretationen einer Demokratischen Schule ableiten lassen. Die Herausforderung einer weit gefassten Definition, besteht darin, dass sie keine eindeutige Lösung dafür liefert, wie die Schule in ihren Einzelaspekten funktioniert. Denn es gibt jeweils mehrere Möglichkeiten, wie eine Schulversammlung arbeiten kann, worin die Aufgabe der Mitarbeiter besteht, wie das Rechtssystem aufgebaut ist, welche Rolle die Eltern spielen, welchen Stellenwert das formale Lernen hat etc.

Um mit dieser Herausforderung umzugehen, ist es notwendig, sich klar zu machen, an welchen Stellen es unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten gibt. Wo können zwei Schulen unterschiedliche Wege einschlagen, ohne das eine von ihnen aus dem Spektrum der Demokratischen Schulen herausfällt? Inwieweit können diese Wege sogar unvereinbar miteinander sein, und dennoch beide gültige Realisationen einer Demokratischen Schule darstellen?

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