Demokratische Schulen

Die konsequente Orientierung an Menschenrechten ist Grundlage der Demokratischen Schulen. Wer aus dem Recht auf Bildung eine Unterrichtsverpflichtung ableitet, verletzt nicht nur die Rechte der Kinder, sondern behindert auch ihr Lernen.

Henning Graner

In traditionellen Schulen werden Menschenrechte systematisch verletzt. Das mag im ersten Moment übertrieben und provokativ klingen, wird aber schnell bestätigt, wie ein Blick in einzelne Länderschulgesetze zeigt. Im Berliner Schulgesetz benennt in §127 explizit Grundrechtseinschränkungen. Unter anderem grenzt es das Grundrecht auf Freiheit ein, eines der höchsten Grundrechtsgüter überhaupt. Zur Begründung werden die Schulpflicht und das Schulverhältnis benannt. Durch letzteres werden die Rechte und Pflichten der Schüler definiert. Zu den Pflichten der Schüler gehört es nach § 46 Absatz 2, »regelmäßig am Unterricht und an den sonstigen verbindlichen Schulveranstaltungen aktiv teilzunehmen, die erforderlichen Arbeiten anzufertigen und die Hausaufgaben zu erledigen«.

Eine solche Unterrichtspflicht, wie sie an traditionellen Schulen gang und gäbe ist, verstößt gleich gegen einen ganzen Katalog weiterer Rechte: neben dem bereits erwähntem Recht auf Freiheit, gegen das Recht auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, gegen das Recht auf Freizügigkeit und vor allem gegen das Recht auf Gedankenfreiheit – allesamt Rechte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind.

Vom Recht zur Pflicht

Sowohl die Verpflichtung, zur Schule zu gehen – also die Schulpflicht – als auch die Verpflichtung zur Teilnahme am Unterricht und an sonstigen Schulveranstaltungen wird damit begründet, dass dadurch das Recht auf Bildung verwirklicht werde. Es ist jedoch ein gravierender Unterschied, ob einer Person ein Recht eingeräumt wird, über dass sie selbst verfügen kann, oder ob ihr die Verfügung über ein Recht entzogen wird und sie sich stattdessen einer Verpflichtung ausgesetzt sieht. Plötzlich wird aus dem Recht auf Bildung eine Verpflichtung zur Bildung. Es ist überraschend, dass der grundsätzliche Unterschied und der inhärente Widerspruch zwischen einem Recht auf Bildung und einer Verpflichtung zur Bildung nicht erkannt werden.

Zum Vergleich: Auch das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein elementares Grundrecht. Dennoch besteht keine Verpflichtung zur Meinungsäußerung und niemand käme auf die Idee, das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu gewährleisten, indem man Menschen zu Meinungsäußerungen verpflichtet.

Bei der Verkehrung des Rechts auf Bildung in eine Verpflichtung zum Schul- und Unterrichtsbesuch wird nicht bloß eine Grundrechtseinschränkung in Kauf genommen, die sich mit Hinweis auf die Gewährleistung eines anderen Grundrechts – etwa des Rechts auf Bildung – begründen ließe. Es handelt sich tatsächlich um eine Grundrechtsverletzung, die sich nicht durch ein Abwägungsargument rechtfertigen lässt. Denn eine Verpflichtung zum Schul- und Unterrichtsbesuch stellt keine Gewährleistung des Rechts auf Bildung dar, sondern verletzt dieses Recht sogar. Menschen, die zum Besuch eines vorgegebenen Unterrichts verpflichtet werden, verfügen eben nicht mehr über ihr Recht auf Bildung. Sie müssen es abtreten an eine Institution, die aus diesem Recht eine Pflicht konstruiert.

Und was ist die Folge?

Diese Umdeutung eines Rechts in eine Pflicht hat handfeste Auswirkungen. Plötzlich müssen Schüler etwas lernen. Lernen ist zum Zwang geworden, wird als lästig erlebt. Schüler haben nicht mehr die Zeit und Muße, sich ausdauernd mit den Dingen zu beschäftigen, die sie wirklich interessieren. Ihnen wird nicht zugestanden und zugetraut, sich selbst zu bilden. In ein einengendes Zeitraster gedrängt, verlieren sie die Lust zum Lernen. Ihre Leistungen bleiben gerade dadurch hinter ihrem Potential zurück. Das alles bedeutet: ihnen wird ihr Recht auf Bildung vorenthalten.

Alternative: Demokratische Schulen

Demokratische Schulen bauen auf den Grundprinzipien von Menschenrechten und Demokratie auf. Es gilt das Prinzip: Selbstbestimmung in Bereichen, die nur den Einzelnen etwas angehen und Mitbestimmung bei Entscheidungen, von denen alle betroffen sind.

Yaacov Hecht, der Gründer und langjährige Direktor der Demokratischen Schule von Hadera und heutige Direktor des Institute for Democratic Education in Israel, sagt: »Bei Demokratischen Schulen geht es um zwei wesentliche Themen. Erstens: Wie kann man die Menschenrechte innerhalb der Schule schützen? Zum Beispiel: Wie kann man die Gedankenfreiheit schützen? Und all die anderen Menschenrechte? Und zweitens: Wie kann man die Schule mittels eines demokratischen Verfahrens leiten, so dass die Schüler und Mitarbeiter gleichberechtigt daran beteiligt sind?«

Aufführung des Films »Demokratische Schulen« von Jan Gabbert in Leipzig im Mai 2007. »Work in Progress« ist eine zeitgleich laufende Kinoreihe zum Mysterium Arbeit.

Demokratische Schulen stellen also nicht so sehr die didaktische Vermittlung demokratischer Werte in den Vordergrund (Demokratiepädagogik), sondern wollen eine Bildung ermöglichen, welche in einer wirklich demokratischen Umgebung stattfindet und in welcher der Lernende Subjekt seines Lernprozesses bleibt und nicht zum Objekt von Lehrplänen und Bildungsstandards gemacht wird.

Eine Frage der Prioritäten

Auf die Frage, warum Menschenrechte in der traditionellen Schule verletzt werden, antwortet Yaacov Hecht: »Ich glaube jede Schule möchte die Kinder respektieren. Die Frage ist nur, an welcher Stelle steht dieses Ziel im Vergleich zu anderen Zielen? Hauptidee aller Demokratischen Schulen ist es, die Kinder zu respektieren. Das ist das erste Ziel. In einer normalen Schule steht dieses Ziel vielleicht erst an zwanzigster Stelle. Überall, an allen Demokratischen Schulen weltweit, wirst du feststellen: das Hauptthema dort ist, wie man Kinder respektiert. An jeder x-beliebigen öffentlichen Schule ist das Hauptthema, wie man besser Mathematik unterrichtet. Das ist der Unterschied.«

Es ist also eine Frage der Prioritäten. An traditionellen Schulen hat die Vermittlung von vorgegebenem Wissen oberste Priorität. Dieser Priorität werden alle anderen Werte untergeordnet, so dass im Zweifelsfall die Verletzung der Rechte der Kinder bedauernd oder entschuldigend – oftmals wohl auch unerkannt – hingenommen wird. Ironischerweise führt ausgerechnet diese Priorisierung dazu, dass auch das oberste Ziel – die Vermittlung von Wissen – nicht oder nur mit bescheidenem Erfolg und unverhältnismäßig hohem Aufwand erreicht wird. Erklärt man stattdessen die Achtung der Rechte der Kinder zur obersten Priorität, wie es an Demokratischen Schulen geschieht, erlebt man ein kleines Wunder: Abwehrreaktionen bleiben aus, Disziplinprobleme verschwinden und zu allem Überfluss wird auch noch viel effektiver und effizienter gelernt.

Wesentlichste Grundlage aller Demokratischen Schulen ist die Achtung und der Schutz der Rechte aller Beteiligten. Insbesondere Grundrechte genießen höchste Priorität. Die Orientierung an Grundrechten, die für eine Schule in einem demokratischen Rechtsstaat eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hat sehr weitreichende Auswirkungen auf den Schulalltag.

Grundrechte achten

Nimmt man die Achtung der Grundrechte ernst, bedeutet dies, dass kein Schüler zum Unterricht, zum Lernen oder zur Teilnahme an sonstigen bildenden Aktivitäten gezwungen werden darf. Demokratische Schulen begnügen sich also nicht damit, den Unterricht zu verbessern, ihn zu öffnen, unterhaltsamer, gehirngerechter oder sonstwie angenehmer zu gestalten, sondern bestehen darauf, dass Unterricht nur auf freiwilliger Basis seitens der Schüler stattfinden kann. In vielen Demokratischen Schulen gibt es ein von den Lehrkräften bereitgehaltenes Angebot an Unterrichtskursen. Die Schüler entscheiden selbst, welche Kurse sie belegen möchten, wobei sie frei sind, gar keine Kurse zu belegen und ihre Zeit an der Schule anderweitig zu verbringen. Schulen, welche sich an dem Modell der Sudbury Valley School orientieren, verfolgen einen etwas anderen Ansatz: hier gibt es kein vorbereitetes Angebot an Unterricht, sondern Unterricht kommt nur zustande, sofern einzelne Schüler das ausdrücklich einfordern und eine entsprechende Vereinbarung mit einem Mitarbeiter treffen.

Gelebte Demokratie

Darüberhinaus verwirklichen Demokratische Schulen die Ideen einer demokratischen Bildung, indem sie allen an der Schule Beteiligten das Recht und die Möglichkeit einräumen, an Entscheidungen mitzuwirken, die die Schule als Ganzes betreffen. Üblicherweise geschieht das in Form direktdemokratischer Entscheidungsverfahren in einer wöchentlich tagenden Schulversammlung. Schüler und Mitarbeiter sind gleichberechtigt, d. h. sie verfügen in der Schulversammlung über gleiche Mitsprache- und Abstimmungsrechte. Es gilt der Grundsatz: pro Kopf eine Stimme. Damit liegt die Entscheidungsmacht mehrheitlich in den Händen der Schüler.

Je ernster es eine Schule mit der demokratischen Mitbestimmung meint, desto mehr Entscheidungskompetenzen wird sie der Schulversammlung zumessen. Während in Summerhill einige Bereiche – wie beispielsweise die Einstellung von Lehrern und die Verwaltung der Gelder – der Schulleiterin vorbehalten bleiben, gehen andere Demokratische Schulen weiter und übertragen der Schulversammlung auch die Verantwortung für Personal und Finanzen.

Allen Demokratischen Schulen gemeinsam ist, dass die Schüler über die Schulversammlung Einfluss auf die Regeln des Zusammenlebens haben. In der Schulversammlung werden Regeln diskutiert, geändert, verabschiedet und aufgehoben. Die Regeln sind in erster Linie dazu da, die Rechte eines jeden einzelnen Schülers (und Mitarbeiters) zu schützen. Dass Schüler ihren Interessen ungestört nachgehen können, zählt zu den Grundrechten an einer Demokratischen Schule. Eine Regel, die es verbietet, in der Bibliothek laut Musik zu hören, ist demzufolge keine Schikane der Musikliebhaber, sondern dient dem Schutz des Rechts auf ungestörtes Lesen. Auch der Musiker soll sein Recht auf ungestörtes Ausüben seines Interesses wahrnehmen können – nur ist die Bibliothek nicht der richtige Ort dafür.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass demokratische Entscheidungsverfahren und die Einigung auf Regeln keine pädagogischen Spielereien sind, sondern einen notwendigen Zweck erfüllen: eine Gemeinschaft von Individuen zu organisieren, die zusammen über begrenzte Ressourcen verfügt und den Grundsatz der Gleichberechtigung aufrechterhalten will.

Bildungsdebatte blendet Menschenrechte aus

Die Perspektive der Menschenrechte kommt in den Bildungsdebatten viel zu kurz. Meist wird nur darauf abgehoben, allen Menschen gleichermaßen den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung zu ermöglichen und Diskriminierungen weitestgehend zu vermeiden. Die Idee, dass Kinder selbst Rechtssubjekte sind und die daraus zu ziehende Konsequenz, dass sie ihr Recht auf Bildung eigenständig ausüben können sollten, bleibt dabei auf der Strecke.

erstmals erschienen im unerzogen Magazin 0/07

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