Schulverweigerung: Verbrechen, psychische Störung oder ein Menschenrecht?

Die Ansichten über Schulverweigerung hängen von den Vorstellungen über Kinder und Menschenrechte ab. Sind Menschenrechte eine individuelle Vorstellung? Ist die Sichtweise auf Schulverweigerung eine Frage des Standpunktes?

Peter Gray

Jeder Staat und jedes Land, in dem Schulpflicht besteht, ist mit dem Problem der Schulverweigerung konfrontiert, das gemeinhin als solches bezeichnet wird. Überall weigert sich eine beträchtliche Anzahl von Kindern, zur Schule zu gehen, und schafft es, eine große Anzahl von Schultagen zu schwänzen. Aus rechtlicher Sicht ist Schulverweigerung eine Ordnungswidrigkeit, und wenn sie länger andauert, wird sie auch heute noch oft als Verbrechen behandelt. Kinder können wegen Schulverweigerung in Jugendstrafanstalten untergebracht werden, und Eltern, die entweder nicht willens oder nicht in der Lage sind, ihre Kinder zum Schulbesuch zu zwingen (und die nicht die Mittel oder das Know-how haben, für Heimunterricht oder eine andere legale Alternative zur Schule zu sorgen), können verhaftet oder ihnen ihre Kinder weggenommen werden.

Psycholog:innen allerdings – nicht überraschend – neigen dazu, Schulverweigerung nicht als ein zu bestrafendes Vergehen, sondern als eine zu behandelnde psychische Störung zu betrachten. Wenn ich jedoch die psychologische Literatur über die Behandlung von Schulverweigerung lese, kann ich nicht umhin, einige der Behandlungen als Bestrafung zu betrachten.

Wie Psycholog:innen Schulverweigerung im Allgemeinen beschreiben und zu behandeln versuchen

Wenn du den Suchbegriff »Schulverweigerung« in eine beliebige Datenbank eingibst, die die akademischen Zeitschriften der Psychologie enthält, wirst du unzählige Artikel zu diesem Thema finden. Wenn du eine beliebige Auswahl dieser Artikel liest, wirst du eine große Redundanz feststellen. Die meisten von ihnen beginnen mit einer Erklärung darüber, wie schädlich es für ein Kind ist, nicht zur Schule zu gehen – über die Statistiken, die zeigen, dass Schulabbrecher:innen ihr ganzes Leben lang alle möglichen Probleme haben. Der Ausdruck »normaler Entwicklungsverlauf« wird verwendet, um den schulischen Verlauf zu beschreiben, und der Nichtbesuch der Schule wird dann als abnormal, als pathologisch bezeichnet.

In dem typischen Artikel wird dann Schulverweigerung (manchmal mit Großbuchstaben) auf mehr oder weniger objektive Weise definiert. Das Hauptsymptom ist, dass das Kind mindestens eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Monat unentschuldigt der Schule fernbleibt, obwohl die Eltern und andere Erwachsene versuchen, das Kind zum Schulbesuch zu bewegen. Darüber hinaus umfasst die Definition in der Regel auch eine emotionale Komponente, in der Regel Angst, die mit der Weigerung des Kindes zusammenhängt. Einige Klinikärzt:innen verwenden sogar den Begriff Schulphobie als Alternative zur Schulverweigerung.

Psycholog:innen betrachten häufig Schulverweigerung als eine zu behandelnde psychische Störung.

Nachdem die Psycholog:innen die Schulverweigerung definiert haben, gehen sie dazu über, sie als diagnostische Kategorie zu behandeln. Die Schulverweigerung ist, zumindest derzeit, weder im Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association noch in dem der Weltgesundheitsorganisation als offizielle psychische Störung aufgeführt, wird aber routinemäßig so behandelt, als wäre sie es (z. B. Elliott & Place, 2019). In den Artikeln stößt man regelmäßig auf Formulierungen wie »Patienten, die Schulverweigerung haben«, als ob Schulverweigerung etwas wie Masern wäre, die man »hat« oder »nicht hat«. Es handelt sich nicht um eine Handlung, sondern um eine Krankheit. Ich glaube, ich werde meine vegetarisch lebende Frau künftig als »Fleischverweigerin« bezeichnen. Natürlich rechtfertigen die Mediziner:innen, dass es sich dabei um eine Störung handelt, indem sie darauf verweisen, dass Menschen, die die Schule verweigern, in der Regel große Angst vor der Schule haben; aber darauf komme ich später zurück.

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