Ein Baby weint: Wie sollten die Eltern reagieren?

In der modernen westlichen Kultur wird davon ausgegangen, dass das Schreien von Babys normal und unvermeidlich ist und manchmal ignoriert werden sollte. Das Babyalter kann für Eltern eine anspruchsvolle Zeit sein. Auf das Weinen eines Babys angemessen und sofort zu reagieren, ist allerdings notwendig und kein Zauberwerk.

Jan Hunt

Stelle dir einen Moment lang vor, dass du von einem Raumschiff zu einem fernen Planeten entführt wurdest und du von riesigen Fremden umgeben bist, deren Sprache du nicht sprichst. Zwei von diesen Fremden nehmen dich unter ihre Obhut. Du bist zur Befriedigung all deiner Bedürfnisse vollkommen von ihnen abhängig – Hunger, Durst, Trost, und vor allem: Bestätigung, dass du an diesem fremden Ort in Sicherheit bist. Dann stell dir vor, dass du Schmerzen oder furchtbaren Durst hast, oder dass du emotionale Unterstützung braust. Aber deine beiden Aufseher ignorieren deine verzweifelten Notrufe. Du kannst sie nicht dazu bewegen, dir zu helfen oder deine Bedürfnisse zu verstehen. Nun hast du ein anderes Problem, noch gravierender als das erste: Du fühlst dich völlig hilflos und allein in einer fremden Welt.

Niemand mag es, wenn seine Mitteilungen ignoriert werden. Wenn sie dennoch ignoriert werden, ruft das Gefühle der Hilflosigkeit und der Wut hervor, die unweigerlich der Beziehung schaden. Diese Reaktion scheint von Erwachsenen im Allgemeinen so erfahren zu werden, und es gibt keinen Grund zu vermuten, dass das bei Babys und Kindern anders sein sollte. Wenige Menschen würden einen Erwachsenen ignorieren, der mehrfach sagt: »Können Sie mir helfen? Mir geht es nicht gut.« Aber ein Baby kann eine solche Bitte nicht äußern; es kann nur schreien und weinen, bis jemand reagiert – oder bis es verzweifelt aufgibt.

In der modernen westlichen Kultur gehen wir davon aus, dass das Schreien von Babys normal und unvermeidlich ist. Dabei haben Erwachsene tausende von Jahren lang sofort und ohne Fragen auf das Weinen ihrer Babys reagiert. In Gesellschaften, bei denen die Babys während der ersten paar Monate Tag und Nacht die meiste Zeit am Körper getragen werden, ist Schreien selten. Und im Gegensatz zu den Erwartungen vieler Menschen in unserer Gesellschaft werden Babys, für die auf diese Weise gesorgt wird, früher selbstständig und unabhängig als Babys, denen eine solche Fürsorge nicht zuteilwurde.

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