Was ist eigentlich Familie?

Ein Kommentar von Susanne Mierau

Das statistische Bundesamt fasst unter dem Begriff der Familie alle Eltern-Kind-Gemeinschaften zusammen in den unterschiedlichsten Konstellationen: mit einem Elternteil oder mehreren, ehelich oder nichtehelich, alleinerziehend, gleich- oder gemischtgeschlechtlich, mit leiblichen oder adoptierten, Stief- oder Pflegekindern. Wesentliches Merkmal für die Familie sind zwei Generationen, die zusammenleben. Damit finden wir hier bereits ein ziemliches modernes Familienbild vor, denn die klassische, heteronormative Kleinfamilie, die uns trotz des Wissens um die eigentliche Vielfalt von Familien aus der Werbung und vielen Serien oder Filmen noch vor Augen geführt wird, gibt es nicht so oft, wie wir manchmal denken. Und nicht nur das: Sie ist auch gar nicht das »natürliche« oder »klassische« Modell, für die wir sie oft halten. Würden wir alle Kinder der hier lesenden Eltern darum bitten, eine Familie zu malen und uns zuzusenden, würde das unerzogen Magazin wahrscheinlich eine sehr bunte Mischung ganz verschiedener Konstellationen vorgelegt bekommen. Und wahrscheinlich würden einige Kinder nicht nur zwei Generationen in dieses Bild einbringen, sondern vielleicht auch noch mehr. Und vielleicht würden sie auch ihre Haustiere als Bestandteil dieser Familie aufmalen oder Freund:innen der Familie. Was Familie wirklich ausmacht, ist nämlich jenseits solcher Definitionen zu finden vor allem durch die Gefühle und Bindungen, die wir miteinander eingehen.

Die Kleinfamilie ist unsere gedachte Norm für Familie, obwohl sie diesem Anspruch über die Zeit hinweg überhaupt nicht standhalten kann: In der überwiegenden Zeit der Menschheit wurde in Verbänden unterschiedlicher Generationen und Verwandtschaftsverhältnisse zusammengelebt, wobei es innerhalb eines solchen Verbandes auch viele Personen gab, die nicht miteinander blutsverwandt waren. Innerhalb dieser Zusammenschlüsse gab es auch nicht jene Aufteilung nach Geschlechtern, die uns oft suggeriert wurde: Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die Aufteilung zwischen den Geschlechtern viel ausgeglichener war und sich Menschen nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten einbrachten, nicht nach Interpretation ihrer Intimorgane. Gerade die Möglichkeiten spielten für die Gruppe auch eine wichtige Rolle: denn innerhalb einer Gruppe müssen sich Menschen nach deren Bedürfnissen ausrichten und die Bedürfnisse der Stillenden und der kleinen Kinder waren wichtige Taktgeber für die Gruppe. Man spricht daher von einer matrifokalen Ausrichtung.

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