Die Ethik im Kindheitsbild der westlichen Kultur (Teil 1)

Das Bild von Kindheit in unserer modernen Welt beruht auf der Idee des defizitären Kindes: Es muss erzogen und geformt werden, denn es kommt unfertig auf die Welt. Dieses Kindheitsbild hat Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens.

Naomi Aldort

Das Kindheitsbild in der modernen westlichen Kultur basiert darauf, Kinder als fehlerhaft zu betrachten, die zu Erwachsenen geformt werden müssen. Das Kind wird als nicht erwachsen und daher als minderwertig angesehen und man traut ihm nicht zu, sich von allein richtig zu entfalten. Seine Grundbedürfnisse werden als »falsch« angesehen und ständig bekämpft.

Basierend auf diesem Bild werden Kinder nicht gesehen; sie treten in die Gesellschaft ein, wenn sie zu »Erwachsenen« gemacht worden sind. Dem Kind werden Manieren der Erwachsenen beigebracht, während seine kindliche Art oft Schelte hervorruft, was ihm das Gefühl gibt, zu versagen und externe Führung zu benötigen. Es verbringt einen Großteil seiner jungen Jahre in Gleichaltrigen-Gruppen, die von Erwachsenen kontrolliert werden.

Diese Sichtweise prägt, wer Kinder in ihren eigenen Augen sind. Sie wachsen in dem Glauben auf, dass jemand anderes als sie selbst ihnen den Weg weisen sollte (die Medien, Gruppenzwang usw.). Das Ergebnis ist eine Kultur von Anerkennungssuchenden; Menschen, deren Depression und Unzufriedenheit darin liegen, im Außen nach Zeichen und Akzeptanz zu suchen, während sie oft das freudige Vertrauen verpassen, das entsteht, wenn man von innen geführt wird.

Häufig werden Grundbedürfnisse des Kindes als »falsch« angesehen und bekämpft.

Ein paar Beispiele für die Manifestation dieses Kindheitsbildes:

  • Die Geburt: Müttern wurde eingeimpft, dass ein Arzt ihre Babys »entbinden« sollte.
  • Stillen: Das Baby lernt, seine eigenen Signale zu ignorieren und sich der Mutter (die dem Arzt folgt) zu unterwerfen.
  • Lernen: Da es korrigiert und belehrt wird, verliert das Kind den Glauben an sich selbst und wird abhängig, unsicher und bedürftig nach Anerkennung.
  • Manieren: Das Streben nach Anerkennung wird zur obersten Priorität auf Kosten von ehrlichen Beziehungen. Eltern-Kind-Kämpfe beginnen, wenn ein Kind dagegen rebelliert, kontrolliert zu werden, was zu den vielen Schwierigkeiten und Behinderungen führt, die wir heute erleben.
  • Schlaf: Babys und Kleinkindern wird das Grundbedürfnis, neben der Mutter zu schlafen, verweigert, sie lernen, sich selbst zu ignorieren und anderen zu gehorchen.
  • Schulbildung: Die Erfindung einer Institution zur Kontrolle der Bildung ist das Nonplusultra des modernen westlichen Bildes von Kindern. Das Kind wird in »Herden« der Konformität mit der Ansicht der Erwachsenen über sie und wie sie sein sollten, aufgezogen.

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