»Die Vielfalt gesellschaftlichen Lebens und persönlicher Lebensentwürfe vergrößern«

In vielen Vereinen und Organisationen gibt es soziales und bürgerschaftliches Engagement rund um die Themen Bildung und Leben mit Kindern. In dieser Reihe werden einige davon vorgestellt.

Interview mit Jonathan Rose, Vorstand von TransInterQueer e. V. (TrIQ) und Yannik Reymann, Projektmitarbeit in der Fachstelle für Trans*, Inter* und Nicht-binäre Lebensweisen

Wie ist »TrIQ« entstanden und durch wen?

TrIQ feiert dieses Jahr den 15. Geburtstag. Gegründet wurde der Verein am 18. September 2006, um einen Ort und ein Angebot zu schaffen, die sich gezielt für trans*, inter*, queer lebende und nicht-binäre Menschen und deren Angehörige einsetzen. Das Besondere an TrIQ ist, dass der Verein von TIN-Personen für TIN-Personen als Selbstvertretungsorganisation gegründet wurde und dass wir ganz bewusst sowohl das T als auch das I in unserem Vereinsnamen tragen. Inter* und Trans* sind Geschlechtlichkeiten, die aus der normativen Zweigeschlechterordnung herausfallen und deshalb strukturell und direkt diskriminiert und marginalisiert werden. Sowohl trans* als auch inter* Personen haben ein Recht auf eine selbstbestimmte geschlechtliche Zuordnung. TrIQ sollte und soll dabei kein Ersatz für andere Projekte sein, sondern will vielmehr Brücken zwischen verschiedenen Bewegungen bauen.

Was ist der Zweck/Ziel des Vereins?

Wir möchten dazu beitragen, dass trans*, inter* und nicht-binäre Menschen (TIN) in allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben können. Dass trans- und intergeschlechtliche Realitäten, Identitäten und Lebensweisen gesellschaftlich sichtbar und als gleichberechtigt akzeptiert werden und sich somit die Vielfalt gesellschaftlichen Lebens und persönlicher Lebensentwürfe vergrößern kann. Wir wollen, dass TIN-Menschen in unserer Gesellschaft selbstbestimmt leben können.

Und wie erreichen Sie diesen?

Wir bieten Beratung, Informationen und Hilfestellung für TIN-Menschen und betreiben Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu TIN-Themen.

Einer unserer Schwerpunkte liegt in der Beratung. TrIQ bietet Peer-Beratung für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen, sowie für alle, die sich Fragen rund um Geschlecht stellen. Wichtig ist uns der Peer-Aspekt, d. h. die Beratung findet von und für TIN-Menschen statt.

Jonathan Rose, Vorstand von TrIQ e. V.

Gleichzeitig beraten wir auch Personen und Organisationen, die in ihrer Arbeit mit TIN-Personen zu tun haben, z. B. Mediziner|innen|Medizinys und andere im Gesundheitsbereich tätige Menschen, und bieten Fortbildungen an.

Wir sind aber nicht nur Beratungsstelle, sondern verstehen uns auch als soziales Zentrum, in dem TIN- und queere Menschen unabhängig von ihrer geschlechtlichen Positionierung zusammenkommen und einen Raum haben, um einfach mal zu sein – was in einer heteronormativen, zweigeschlechtlich strukturierten Welt oft schwer ist. Pandemiebedingt ruhen viele unserer Angebote momentan, aber wir hoffen bald wieder viele unserer Gruppen und Initiativen bei uns willkommen heißen zu können. In der Vergangenheit gab es bei uns Filmabende und Café-Nachmittage. Wir haben Sportgruppen und organisieren Kulturveranstaltungen. Wir haben z. B. auch eine kleine Bibliothek mit Literatur zu inter* und trans* Themen, die wir hoffentlich bald wieder regelmäßig für Interessierte öffnen können.

Gibt es spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche?

Unsere Beratung ist offen für alle, und wir erhalten Beratungsanfragen sowohl von Minderjährigen als auch von Eltern. Weitere reguläre Angebote, die sich ausschließlich an Kinder und Jugendliche richten, bieten wir (noch) nicht an; unsere Veranstaltungen sind aber in der Regel offen für alle Altersgruppen und wir kooperieren regelmäßig mit anderen Organisationen für Workshops oder ähnliches, die sich z. B. an Jugendliche richten. So sind unsere WG-Partner|innen|WG-Partnys im Queeren Kompetenzzentrum z. B. in der Jugendhilfe und der Bildungsarbeit tätig.

Allen, die sich für Angebote für trans*, inter*, nicht-binäre und/oder queere Jugendliche interessieren, können wir das bundesweit organisierte Jugendnetzwerk Lambda ans Herz legen.

Was haben Sie bis jetzt erreichen können? Gibt es besondere Meilensteine?

Wir nehmen in den letzten Jahren eine steigende Sichtbarkeit für viele trans* und inter* Realitäten in der Gesellschaft wahr, auch wenn das im Licht erstarkender konservativ-rechter Positionen natürlich auch mit Vorsicht betrachtet werden muss.

Yannik Reymann, Projektmitarbeiter.

Konkrete Meilensteine sind z. B. bestimmte Gesetzesänderungen, wie die Einführung einer Dritten Option neben den Geschlechtseinträgen »männlich« und »weiblich« im Jahr 2019. Diese rechtlichen Entwicklungen bieten für uns eine gute Grundlage, um uns weiter z. B. für einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag einzusetzen.

Außerdem gibt es seit diesem Jahr endlich ein Verbot in Deutschland, bestimmte genitalverändernde Operationen an inter* Kindern durchzuführen. Das Gesetz hat zwar auch viel Potenzial nach oben (weil es z. B. weiterhin nicht alle Eingriffe so regelt, dass Menschen selbstbestimmt über ihre eigenen Körper entscheiden können), ist aber trotzdem ein Meilenstein für inter* Personen und inter* Aktivismus in Deutschland!

Und als Verein haben wir auch persönliche Meilensteine zu verzeichnen:

Kurz nach unserer Gründung fand die erste von TrIQ organisierte bundesweite Trans*Tagung statt, eine Veranstaltung, die bis 2013 fast jedes Jahr wiederholt wurde. Im Herbst 2011 fand dann die erste Inter*Tagung statt.

Seit 2010 wird unsere Arbeit gefördert von der Berliner Landesstelle für Gleichstellung – gegen Diskriminierung der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung. Von 2015 bis 2019 lief unser Projekt »Trans*Visible – Wissen und Support für Akzeptanz – gegen Gewalt«, das als Modellprojekt vom Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familien und Jugend im Rahmen des Förderungsprogramms »Demokratie leben!« gefördert wurde. Hier entstanden z. B. Materialien für Sensibilisierungs-Fortbildungen. Auch unsere Bibliothek geht aus diesem Projekt hervor. Seit Anfang 2021 sind wir zudem Berliner Fachstelle für trans*, inter* und nicht-binäre Lebensweisen, haben mittlerweile ein Team mit neun hauptamtlich tätigen Personen und zwei neuen Schwerpunktbereichen: zu »TIN und Flucht« und zur Namens- und Personenstandsänderung über die neue Regelung im Personenstandsgesetz. Eine schöne Bestätigung für die ganze Arbeit, die in den Jahren davor geleistet wurde und weiterhin geleistet wird.

Außerdem haben wir im vergangenen Jahr zusammen mit den Vereinen ABqueer und Trialog neue Vereins- und Projekträume in Berlin gefunden, in denen wir im Moment zusammen unser Queeres Kompetenzzentrum aufbauen und dort dann hoffentlich nach Ende der Pandemie unseren diesjährigen 15. Vereins-Geburtstag (nach)feiern können.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Jubiläum! Wollen wir hoffen, dass Sie es bald ausgiebig feiern können. Ihr Angebot erstreckt sich ausschließlich auf Berlin oder gibt es bundesweite Angebote?

Wir arbeiten schwerpunktmäßig in Berlin; das hat zum einen mit unserem Standort, zum anderen mit unserer Förderung durch die Berliner Senatsverwaltung zu tun. Vernetzt sind wir deutschlandweit und international und versuchen, je nach Kapazität, Angebote wie z. B. Fortbildungen auch außerhalb von Berlin anzubieten. Und natürlich haben einige unserer Angebote den Vorteil, dass sie von überall in Anspruch genommen werden können, z. B. Online-Veranstaltungen oder Bildungsmaterial wie Broschüren.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Obwohl wir in der glücklichen Lage sind, dass unsere Angebote zu einem großen Teil finanziell gefördert werden und wir eine wachsende Gruppe an hauptamtlich bei uns tätigen Menschen haben, fehlt es leider immer wieder an Kapazitäten. Wir würden z. B. gern mehr Beratungen anbieten, denn der Bedarf ist groß und wächst; und wir alle waren schon in Situationen, in denen wir als TIN-Person Unterstützung brauchten oder Informationen gesucht haben, und wissen daher, wie wichtig und wertvoll ergebnisoffene Peer-Beratungen sind. Zurzeit arbeiten wir mit einem sehr kleinen ehrenamtlichen Team und können nur mit längeren Wartezeiten den angefragten Bedarf bedienen.

Ziel der TrIQ e. V.: TIN-Menschen sollen in unserer Gesellschaft selbstbestimmt leben können.

Außerdem erschwert uns auch die Pandemie unsere Arbeit. Damit sind wir natürlich nicht allein, aber die Tatsache, dass wir uns als Team im letzten Jahr kaum persönlich gesehen haben, schon gar nicht in größerer Gruppe, ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Das gleiche gilt für viele unserer Angebote. Einige sind nach draußen, ins Freie, ausgewichen, andere ins Digitale, aber vieles steht momentan einfach auf Halt. Das ist umso schwieriger, weil viele TIN-Menschen auf Communitystrukturen wie Anlaufstellen, Beratungen oder Veranstaltungen angewiesen sind, z. B. wenn das eigene ›Zuhause‹ kein sicherer Ort für sie ist.

Erschwert wird unsere Arbeit außerdem immer wieder durch Stimmen, die in unseren Forderungen nach Selbstbestimmung und Teilhabe eine vermeintliche Gefahr für ihre eigenen Lebensentwürfe und die gesellschaftliche Ordnung sehen. Leider wird diese (übrigens unbegründete) Angst allzu oft durch konservativ-rechte Kreise instrumentalisiert, um trans*, inter* und nicht-binäre Menschen anzugreifen.

Welche aktuellen Probleme versuchen Sie als Verein gerade zu lösen?

Wie schon erwähnt ist ein Problem, das uns schon länger begleitet und das durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen noch verschärft wurde, den Bedarf an Beratungen mit den uns zur Verfügung stehenden Kapazitäten zu decken. Hier versuchen wir Lösungen zu finden.

Die gesetzlichen Regelungen sind auch ein Dauerbrenner. Wir warten immer noch auf eine Reform oder im besten Falle Abschaffung des TSG, des sogenannten ›Transsexuellengesetzes‹, das seit den 1980er Jahren Vornamens- und Personenstandsänderungen von trans* Personen regelt. Das Gesetz wurde bereits in Teilen als verfassungswidrig erklärt, aber eine grundlegende Reform lässt weiterhin auf sich warten. Wir machen gemeinsam mit anderen Organisationen, wie z. B. dem Bundesverband Trans*, auf diese Situation aufmerksam, indem wir unser Wissen mit Politiker|innen|Politikys teilen, denn ohne politischen Willen wird sich die Situation nicht ändern.

Wie können Interessierte Sie unterstützen?

Mitgliedschaften unterstützen mit ihren Beiträgen nicht nur unsere Arbeit, die Zahl unserer Mitglieder trägt auch dazu bei, dass wir und unsere Ziele gehört und ernstgenommen werden. Jede Mitgliedschaft hilft dabei, trans*, inter*, queere und nicht-binäre Lebensweisen sichtbarer zu machen. Wir freuen uns sowohl über aktive Mitglieder, die am Vereinsleben teilnehmen wollen, als auch über Förder|innen|ys, die uns unterstützen möchten. Auch mit Spenden können Menschen unsere Arbeit unterstützen.

Für die TIN-Personen unter den Interessierten: Bei uns gibt es stets viel zu tun, und wir sind offen für neue Ideen, mit denen wir unser Angebot erweitern können, um weitere Zielgruppen zu erreichen, und für Menschen, die diese umsetzen möchten. Wir freuen uns immer über neue Menschen, die Lust haben bei uns mitzumachen. Unser Team aus ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen besteht aus Menschen verschiedenen Alters, unterschiedlicher Herkünfte und vielfältiger Positionierungen in Bezug auf TIN. Was wir gemeinsam haben sind unsere, wenn auch unterschiedlichen, Erfahrungen als trans* und/oder inter* und/oder nicht-binäre und/oder queer lebende Menschen. Wir sind ein bunter Haufen und freuen uns über Zuwachs, insbesondere auch für unser ehrenamtliches Beratungsteam.

Welche Frage würden Sie gern gestellt bekommen und beantworten?

Wie wäre es z. B. mit »Was sind Ihre Wünsche für TrIQ?« oder »Können Sie mir erklären, wo auf einmal die ganzen TIN-Personen herkommen?«

Na, dann entscheide ich mich für: Können Sie mir erklären, wo auf einmal die ganzen TIN-Personen herkommen?

Jedes Jahr zum Pride Month besucht ein großes Raumschiff alle heteronormativen Gesellschaften und lässt ca. 10 000 neue TIN-Personen hier, um Stück für Stück den Bann der Zweigeschlechtlichkeit zu brechen.

Oder ohne Raumschiffe: TIN-Menschen gab es schon immer und der vermeintliche Zuwachs ist vor allem der steigenden Sichtbarkeit geschuldet. Dies hat z. B. damit zu tun, dass Informationen zugänglicher geworden sind und Menschen somit die Möglichkeit haben, sich einfacher, differenzierter und auch früher mit der eigenen Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Und wir sehen, dass mehr Menschen den Eindruck haben, ihre eigene Identität auch nach außen tragen und ausleben zu können, was toll ist! Wenn das irgendwann einmal auch für Identitäten möglich wird, die bislang noch weniger sichtbar sind und marginalisiert werden, dann haben wir ein sehr großes Ziel erreicht. ■

Herzlichen Dank für das Gespräch. sr

TransInterQueer e. V. (TrIQ)

Gründung: 2006

Sitz: Berlin

Aktionsraum: Berlin, bundesweit

Mitarbeiter:innenzahl: 9 hauptamtliche Mitarbeiter:innen

Kontakt: TransInterQueer e. V., Gürtelstrasse 35, 10247 Berlin

Telefon: 0 30/76 95 25 15 (Telefonzeiten: Mo und Mi, 13-17 Uhr)

triq@transinterqueer.org

www.transinterqueer.org

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