Der IQ ist nur das halbe Bild (Teil 1)

Lange Zeit wurde besonders die Intelligenz betont, während die Emotionen eher unbeachtet blieben. Die Bedeutung der Emotionalen Intelligenz steigt und damit die Bedeutung der Entwicklungsstadien bei Kindern. Diese stützen sich auf eine lange Tradition der Forschung und klinischen Beobachtung durch Psycholog:innen und Psychiater:innen.

ROBIN GRILLE

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert ist die Bedeutung der »Intelligenz« (quantifiziert als »IQ« – Intelligenzquotient) in fast jedem Aspekt menschlicher Bemühungen überbetont worden.

In der Tat ist der IQ in einem solchen Maße populär worden, dass Elternschaft und Erziehungsmethoden darauf ausgerichtet sind, die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder zu maximieren. Eine ganze Industrie hat sich, gestützt durch eine Fülle von Literatur, um ausgeklügelte Methoden der IQ-Messung, der Interpretation von IQ-Testergebnissen und damit der Kartierung der beruflichen Zukunft von Kindern entwickelt. Nur wenigen Menschen ist die Demütigung erspart geblieben, sich irgendwann in ihrem Leben einem IQ-Test zu unterziehen.

Am Altar der Intelligenz

Der Beginn dieses IQ-Fetischs lässt sich auf das Zeitalter der Vernunft im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts zurückverfolgen, als führende Philosophen begannen, das »rationale« Denken als den Weg zur menschlichen Vollkommenheit zu fördern. Dieser Trend gipfelt in der heutigen postindustriellen Ära, in der wir am Altar der »Intelligenz« – dem vermeintlichen Allheilmittel für die Übel der Welt – beten.

Dank der akribischen und erschöpfenden Beobachtungen des Schweizer Psychologen Jean Piaget (1896-1980) wissen wir viel darüber, wie die Fähigkeit des Kindes zum rationalen Denken reift und wie die kognitive Entwicklung mit den Funktionen der Vernunft, der Logik, des Gedächtnisses und der Sprachstrukturen verknüpft ist. Leider ist die Bedeutung der kognitiven Fähigkeiten auf Kosten der Dimension der Gefühle stark überbetont worden.

Das Neugeborene fühlt und identifiziert sich über die Gefühle der Eltern.

Folgendes Beispiel: Im Januar 2000 wählte das Time Magazine Albert Einstein zur »Person des Jahrhunderts«. Obwohl seine Leistungen sicherlich beeindruckend sind, haben sie doch nichts berührt, was für das menschliche Glück wesentlich ist. Warum stellen wir den Verstand über Herz und Seele? Die Tatsache, dass ein hoher IQ oft mit Depressionen korreliert, sagt wenig über seine Anpassungsfähigkeit aus. Hinzu kommt, dass der IQ ein schlechter Prädiktor für den Erfolg in Beziehungen ist und überhaupt nichts mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit oder der physischen und psychischen Gesundheit zu tun hat. Eines der traurigsten und häufigsten Missverständnisse unserer Zeit ist, dass ein hoher IQ zu emotionaler Ausgeglichenheit und psychologischer Reife führt.

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