Warum wir mit dem Verzicht auf Belohnungen auch die Welt retten

Ein Kommentar von Susanne Mierau

Kürzlich schrieb mir eine Freundin während des zweiten Lockdowns, dass sie, obwohl sie eigentlich eher minimalistisch unterwegs ist, gerade in einem ziemlichen Konsumrausch steckt und sich unnötige neue Anziehsachen kauft und Dekoelemente für die Wohnung, in der sie ja nun mit Kind viel Zeit verbringen würde. Sie konnte es sich nicht erklären, und wir dachten eine Weile darüber nach, welches Bedürfnis dahinter stehen könnte: Wir sind alle Bedürfnisse zusammen durchgegangen und haben gesehen, dass sie sich zwar ausreichend bewegt trotz Homeoffice, gut und gesund ernährt und ausreichend trinkt, dass aber eben die sozialen Bedürfnisse und besonders Anerkennung und Wertschätzung gerade ziemlich im Argen liegen: Arbeitsprojekte wurden verschoben, ein Auftrag ganz storniert. Und plötzlich sagte sie: Ich glaube, ich belohne mich damit einfach fürs Durchhalten.

Viele von uns sind nicht nur mit Belohnung und Bestrafung aufgewachsen, sondern auch mit einer besonderen Form von Belohnung: Belohnung durch Geschenke und Konsum. Du hast so lieb mitgemacht bei der Zahnärztin, dafür gibt es ein kleines Geschenk. Und für eine gute Note gibt es Geld. Zum Abitur wird als Belohnung gern der Führerschein verschenkt. Oftmals ist es gar nicht so offensichtlich, wo wir überall für dieses oder jenes Verhalten mit Dingen belohnt wurden und werden. – Anerkennung bedeutet Geschenke, und Geschenke bedeuten Anerkennung. Gerade auch Menschen, die Schwierigkeiten mit der Vermittlung von Gefühlen haben, neigen manchmal dazu, an Stelle von lieben Worten und echter emotionaler Zuwendung ein Geschenk zu setzen. Auf der anderen Seite fehlt es dann an dem »natürlichen Gesehenwerden«, an der Achtung und dem Respekt, die im Alltag entgegengebracht werden, wenn wir uns einem Menschen und seinem Verhalten wirklich zuwenden. Nicht selten ist diese Haltung auch mit anderen ungünstigen Methoden wie Liebesentzug, Stubenarrest und Auszeit verbunden: Wer »lieb« ist, bekommt etwas. Wer »unartig« ist, wird ausgeschlossen.

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