Externe Schulabschlüsse – 2005 bis heute

Wer nicht zur Schule geht, erhält auch keinen Abschluss. Oder? Nein. Es gibt durchaus Mittel und Wege, einen Schulabschluss zu erwerben – ohne Schulbesuch. Ein Überblick.

Luise Fuchs

Im November 2005 war ich 16 Jahre alt und entschied mich eines Sonntags, dass ich nicht mehr in die Schule gehen möchte. Ich war inspiriert von anderen Jugendlichen, die an demokratischen Schulen im Ausland frei lernten, und wollte das für mich auch. Ich war keine schlechte Schülerin, aber hatte mich in der Schule immer wieder unterfordert gefühlt und wollte mich aus der Situation des Gleichaltrigendrucks in der Schule befreien. Da ich bereits auf dem Weg zum Abitur war, wollte ich mich informieren, ob ich es auch ohne einen Schulbesuch erlangen könnte. Und diese Möglichkeit gibt es! In Deutschland kann jeder Schulabschluss extern erlangt werden, wenn mindestens im Schuljahr der Prüfung keine Schule besucht wurde und die jeweiligen Kriterien erfüllt werden. Die Zulassungsbedingungen sind in 16 Bundesländern mit jeweils drei bis vier Abschlussarten hier nicht ausführlich zu behandeln. Dies kann an anderer Stelle nachgeschlagen werden. Im Internet wird man über entsprechende, einfache Stichwortsuche auch fündig. Diese Möglichkeit, dass auch »Schulfremde« eine Prüfung ablegen dürfen, wurde wohl ursprünglich als Chance des 2. Bildungsweges, für Kinder von Diplomaten, für Prominente, Leistungssportler und ähnliche Ausnahmesituationen geschaffen. Auch Waldorfschulen und viele Freie Schulen bedienen sich dieser Möglichkeit.

Über die Schulgründungsinitiative Sudbury-Schule Halle-Leipzig e. V . bekam ich Kontakt zu dem Freilernervater und Schulgründer Matthias Kern, der heute bei Kern-Bildung junge Menschen auf ihrem Weg zu selbstbestimmter Bildung berät. Von ihm erfuhr ich mehr über externe Schulabschlüsse, und er vermittelte mir Kontakte zu Absolventen – einmal zu seiner Tochter Hannah, die 2004 das Abitur extern abgelegt hatte, und dann zu einem, der es versucht, aber nicht geschafft hatte.

Schulpflicht

Der Gedanke, ohne Schulbesuch einen Abschluss machen zu können, half mir, die letzten Wochen bis zum Schulhalbjahr auszuhalten. Ich hatte die Aussicht, ab dann durch eine Beurlaubung ein Jahr Zeit zu gewinnen. Da ich eine Privatschule besuchte, konnte mir ein solcher Antrag gewährt werden, und ich kam dadurch ganz natürlich zu dem, was ich später als Freilernen kennen lernen sollte. Da wir in Deutschland eine sehr restriktive Schulpflicht haben, ist es nicht immer einfach, diese zu umgehen. Wenn es um einen externen Abschluss geht, hat die besten Chancen, keine Probleme mit den Behörden zu bekommen, wer die Pflichtschuljahre seines Bundeslandes erfüllt hat oder 18 Jahre alt ist. Wer jedoch schon früher den Wunsch hat, die Schule zu verlassen, sollte sich auf den Weg machen, herauszufinden, wie das möglich sein könnte. Es gibt auch jüngere Freilerner in Deutschland.

Entschulen

Als ich die Schule verließ, musste ich erstmal entschulen (viel schlafen, nichts Schulisches tun, meinen eigenen Interessen folgen) und dann kamen vielfältige Aktivitäten dazu – kurz – ich lebte einfach. Im echten Leben liegt so viel mehr Lernpotential als im Schulalltag. Nach einigen Monaten und von verschiedenen Reisen zurückgekehrt, merkte ich jedoch, dass es meine familiäre Situation nicht zuließ, dass ich auch den Weg ins Berufsleben völlig frei ginge und entdecken könnte, was wirklich zu mir passen würde. Da ich jedoch nun schon viele Monate Pause vom Schulalltag hatte, entschied ich mich, mich für das Abitur nun extern prüfen zu lassen. Ich stellte im Herbst 2006 den Antrag und wurde zugelassen.

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