Präsenz oder Distanz? Über falsche Alternativen in der deutschen Bildungspolitik

Seit dem Coronavirus ist in Deutschland möglich, was zuvor undenkbar schien: Die Veranstaltung »Schule« wurde aus den Mauern dieser Institution befreit. Damit ergeben sich Chancen einer Veränderung. Eine lediglich auf Digitalisierung ausgerichtete »Bildungsoffensive« verstärkt jedoch soziale Schieflagen, solange die zentralen Elemente des deutschen Bildungssystems unangetastet bleiben.

Gerald Grüneklee

Es ist nicht zu leugnen: Die weltweit besonders restriktiv ausgelegte Schulpflicht in Deutschland hat einen Zwangscharakter, die Schule ist eine Zwangsanstalt (Treu 1989). In Deutschland herrscht eine Schulpflicht, nicht, wie in vielen Staaten, eine Unterrichtspflicht, Lernpflicht oder Bildungspflicht: In Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Schweden, der Schweiz, der Slowakei, Spanien, Ungarn, USA etc. gibt es keine Schulpflicht im deutschen Sinn, zumindest keinen Schulanwesenheitszwang. Die Aufzählung macht deutlich, dass auch der Verzicht auf eine Schulpflicht im deutschen Sinn allein kein mündigeres Staatsvolk macht. Das ist jedoch kein Grund, den Menschen in Deutschland jede Wahlfreiheit vorzuenthalten.

Zudem wird in Deutschland auch besonders rigide kontrolliert, wer eine Schule betreiben darf und wie diese auszusehen hat: Schule, das ist in Deutschland in allererster Linie die Staatsschule. Nun können hier nicht die Vor- und Nachteile der Schulpflicht und insbesondere der Institution Schule abgewogen werden – vermerkt sei: Die Kritik an den Schulen ist immerhin so massiv, dass Ivan Illich schon aus guten Gründen eine »Entschulung« – bezeichnenderweise kennt die Rechtschreibprüfung das Wort nicht – der Gesellschaft forderte (Illich 1972). Illich (1926–2002), ein u. a. in Mexiko und Bremen wirkender Philosoph, wies auf die zahlreichen Mythen hin, die sich um Schulen ranken. Dass unter heutigen gesellschaftlichen und familiären Bedingungen Schule auch für etliche Kinder und Jugendliche einen sozialen Erfahrungsraum, ja, einen Schutzraum darstellt, entkräftet keineswegs die Notwendigkeit der grundlegenden Kritik an Schulen. In Deutschland ist der Nutzen an Schulen – so, wie sie sind – tief verinnerlicht, er wird kaum hinterfragt. Wurde jedenfalls kaum hinterfragt.

Das Undenkbare wird möglich

Dann kam das Coronavirus, und plötzlich war möglich, was vorher undenkbar schien: Lernen geht auch ohne Schule, jedenfalls ohne unmittelbare Anwesenheit in dieser Einrichtung. Man könnte das Virus nun als Chance begreifen, einmal über das Ermöglichen unterschiedlichster Lernorte und Lernwege nachzudenken und das Lernen von der Fixierung auf die Schule befreien. Stattdessen kam das Homeschooling über die Kinder. Wobei schon der Begriff falsch ist, bezeichnet es doch das Lernen ohne Schule, zuhause, mit Eltern, Angehörigen oder privaten Hauslehrer:innen. Das, was nun in Deutschland als »Homeschooling« bezeichnet wird, meint schulischen Distanzunterricht. Homeschooling im eigentlichen Wortsinn, oder auch Unschooling, ist, im Gegensatz zu vielen Staaten, weiterhin verboten.

Plötzlich wird das Undenkbare möglich: Lernen außerhalb von Schule.

Diese Ausführungen erklären das in Deutschland einzigartige, geradezu mythologische Verhältnis zur Schule. Es gibt kein breites Verständnis von einem Menschenrecht auf Bildung (das findet sich, im Gegensatz zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, auch nicht in der deutschen Verfassung), sondern eine Pflicht zur staatlichen Schule (Art. 8 GG), samt normativer Lehrpläne etc. (leider steht im Grundgesetz nichts zu baulichen oder hygienischen Mindeststandards dieser Einrichtungen …). Der deutsche Schulmythos führt zugleich zur Beantwortung der Frage, warum hierzulande während der Pandemie die Frage der physischen Schulanwesenheit derart umfassend und vehement diskutiert wurde – in anderen Ländern sicher unverständlich. Nebenbei: Die Tatsache, dass die deutsche Schule nicht zuletzt eine Aufbewahrungsanstalt für Minderjährige ist, verhinderte – und verhindert bis heute – den Aufbau außerschulischer Betreuungsangebote für Kinder, deren Eltern arbeiten.

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