Keine Prävention ohne Aufklärung, keine Aufklärung ohne Prävention!

In vielen Vereinen und Organisationen gibt es soziales und bürgerschaftliches Engagement rund um die Themen Bildung und Leben mit Kindern. In dieser Reihe werden einige davon vorgestellt.

Ein Interview mit Gabriele Rothuber, Fachstelle Selbstbewusst – Sexuelle Bildung & Prävention von sexuellem Missbrauch.

Wie ist »Selbstbewusst« entstanden und durch wen?

Der Verein wurde 2004 von engagierten Frauen in Salzburg, Österreich gegründet. Ziel war es, einen Verein v. a. zur Prävention von sexueller Gewalt an Kindern zu etablieren. Die Sexualpädagogik ist nicht als zusätzliches Angebot mitaufgenommen worden, sondern »zahnt« von Beginn an in allen Angeboten ineinander: Keine Prävention ohne Aufklärung, keine Aufklärung ohne Prävention. Hier wurde die Basis für unser jetziges Ziel gelegt, das sich vom damaligen unterscheidet: In der ersten Phase war es das Ziel, so viele Kinder und Jugendliche wie möglich mit unseren Workshops zu erreichen. Elterninfoabende und Pädagog|innen|ys-Coachings und -Gespräche waren auch damals schon wichtiger Teil unserer Angebote.

Jetzt setzen wir verstärkt auf die Multiplikator|innen|ys, Entscheidungsträger|innen|Entscheidungsträgys – auf die Fachpersonen, die Kinder viele Jahre lang begleiten: Es sind die Erwachsenen, die dafür Sorge tragen müssen, dass Kinder Hilfe erhalten. Dazu braucht es nicht nur Sensibilisierung z. B. bzgl. Symptomen, die Kinder in Missbrauchsdynamiken haben können; es braucht Handlungskompetenz: Was ist ein vager Verdacht? Wann muss ich eine Meldung an die Kinder- und Jugendhilfe machen? Was, wenn sich der Verdacht auf eine|n|ein Kolleg|in|y richtet? Das und noch viel mehr sind Themen, die in Ausbildungen absolut zu kurz kommen. Wir versuchen, diese »Lücke« zwischen Curriculum und pädagogischem Alltag zu schließen: mit unseren After Work Basics – online Fachvorträge für Fachkräfte oder dem Lehrgang Kinderschutzbeauftragte|r|beauftragty.

Gabriele Rothuber, Fachstelle Selbstbewusst.

Was ist der Zweck/Ziel des Vereins?

Unser Anliegen ist es, Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt zu schützen.

Sexueller Missbrauch findet vorwiegend im sozialen Umfeld statt, daher greift die Warnung vor »bösen Unbekannten« viel zu kurz. Altersgemäße Sexualaufklärung trägt wesentlich zum Schutz von sexualisierter Gewalt bei. Gut aufgeklärte Kinder können einen Übergriff leichter erkennen, Grenzen setzen und sich Hilfe holen.

Bei Jugendlichen ist es ähnlich: Altersadäquates Wissen und kritische Auseinandersetzung mit dem medial vermittelten Bild von Sexualität machen es leichter, Grenzverletzungen zu benennen und selbstbestimmte erste Erfahrungen mit Sexualität zu machen.

Selbstbestimmtheit und Handlungskompetenz sind daher Ziele unserer Arbeit seit 2004. Dabei orientieren wir uns an den WHO-Standards zur Sexualaufklärung in Europa, den sexuellen und reproduktiven Menschenrechten sowie dem Grundsatzerlass Sexualpädagogik Österreich.

Wie erreichen Sie diesen?

Wir arbeiten nicht nur mit den Schüler|innen|Schülys, sondern beziehen das gesamte soziale Umfeld mit ein: Elterninformationsabende sowie Pädagog|innen|ys-Coachings sind unumgänglich: Kein Kind kann sich aus einer Missbrauchsdynamik selbst befreien. Es braucht sensibilisierte und v. a. kompetente Erwachsene, die dem Kind glauben, Signale und Symptome zu deuten wissen, die wissen, wann eine Gefährdungsmeldung nach § 37 KJHG (Österreich) oder § 8a SGB VIII (Deutschland) zu machen ist.

Wer berät bei Ihnen? Also wird die Arbeit durch geschulte Ehrenamtliche übernommen oder durch berufliche Expert|innen|ys auf diesem Gebiet?

Unsere Mitarbeitenden sind alle zertifizierte Sexualpädagog|innen|ys und/oder Fachkräfte für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Was haben Sie bis jetzt erreichen können? Gibt es Meilensteine?

Wir haben bisher ca. 50.000 Personen – Kinder, Eltern, Fachkräfte – erreicht.

2011 haben wir den 1. Platz des Kinderrechtepreises der Kinder- und Jugendanwaltschaft Salzburg mit unserem 6-moduligen Präventions-Workshopangebot Ich bin Ich erhalten.

Sexueller Missbrauch findet vorwiegend im sozialen Umfeld statt.

Seit 2019/20 bieten wir mit unseren After Work Basics Fachkräften die Möglichkeit, sich im Bereich Sexuelle Bildung / sexuelle Übergriffe unter Kindern (u. Jugendlichen) / Prävention sexualisierter Gewalt / Traumasensible Pädagogik / Interkulturelle Sexualpädagogik etc. fortzubilden. Das Online-Format erreicht mittlerweile ca. 160 Personen pro Vortrag aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg. Versäumte Abende können per Video nachgesehen werden.

Des Weiteren haben wir eine Broschüre für Eltern ausgearbeitet.

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit in den letzten ca. fünf Jahren ist die Begleitung von Kinderschutzkonzepten für Einrichtungen.

Wie kommen Sie in die Schulen? Oder an die Eltern? Kann man Sie da unterstützen?

Wir kommen auf Anfrage der Direktionen, Lehrpersonen oder auch Elternvertreter|innen|vertretys an die Schulen, haben mittlerweile sehr viele »Stammschulen« und auch solche, bei denen wir nicht nur in einem Jahrgang kommen, sondern begleitend.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Begrenzte Fördermittel, obwohl wir nie eine Kürzung hinnehmen mussten. Wir haben jährlich rund 40 Klassen auf unseren Wartelisten, die wir nur abdecken können, indem wir selbst Benefizarbeit leisten.

Gibt es aktuelle Probleme, die Sie als Verein gerade versuchen zu lösen?

Covid-bedingt dürfen wir derzeit nicht an die Schulen. Wir haben bereits im Mai 2020 versucht, manche Angebote in verkürzter Form auch online abzuhalten, was ganz gut gelingt – der direkte Austausch, Gruppendynamiken etc. gehen jedoch verloren.

Wir bieten seit dem 1. Lockdown in Österreich auch kostenlose Eltern-Webinare an, die sehr gut angenommen werden.

Spüren Sie hier eine Rückwärtsentwicklung in Ihrer Arbeit?

Bezüglich der Workshops für Kinder und Jugendlichen: ein klares Ja! Da ist derzeit für die Schulen natürlich Vieles wichtiger. Wir hoffen aber, dass die Lehrpersonen ihrem gesetzlichen Auftrag nachkommen, die Kinder aufzuklären. Dass das aber vor Corona schon von bei Weitem nicht allen gemacht wurde, wissen wir. Für mich ist es jedoch eine Generation, in der ganz sicher viele Kinder aus den Grundschulen in die nächst höheren Schulen entlassen werden, die wenig bis keine Ahnung über Liebe, Sexualität, Pubertät etc. haben – und die sich die Infos dann natürlich übers Internet holen. Viele Kinder, bei denen der Erstzugang zur Pornografie noch vor der schulischen Aufklärung stattfindet und die niemanden haben, dem oder der sie Fragen stellen können.

Die Online-Elternseminare werden jedoch sehr gut angenommen: Es ist eine recht niederschwellige Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen. Das ist eine positive Entwicklung, die wir nicht erfahren hätten, wenn wir die Umstellung auf Webinare nicht praktisch »gemusst« hätten.

Wie können Interessierte Sie unterstützen?

Wie ich vorher schon erwähnte, sind wir auf Benefizarbeit angewiesen, um unsere Arbeit ausreichend finanzieren zu können. Daher sind Spenden von Menschen, die uns helfen wollen, gern gesehen. Jeder Betrag zählt. Spenden an uns sind steuerlich absetzbar.

Welche Frage würden Sie gern gestellt bekommen und beantworten?

Was ist Sexualerziehung eigentlich und wer sollte sie übernehmen? Sexualerziehung ist viel mehr, als nur biologisches Wissen weiterzugeben: Sie ist immer auch Wertevermittlung. Daher gehört Sexualerziehung in die Hände von Eltern, Pädagog|innen|ys und externen Expert|innen|ys und sollte nicht den Gleichaltrigen und den Medien überlassen werden. Wenn Kinder und Jugendliche sich gegenseitig aufklären oder – wie sie es gewohnt sind – im Internet recherchieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie mit ungeeigneten, nicht altersgemäßen oder auch schlicht falschen Informationen konfrontiert werden.

Nun ist es ja so, dass besonders die digitalen Medien eine große Rolle im Leben vieler Kinder und Jugendlicher spielt, ebenso wie die Peergroup. Wie holen Sie sie da ab?

Man merkt meist an den Fragestellungen oder der Wortwahl, ob – auch in der Grundschule – bereits Porno-«Erfahrung« da ist. Für uns ist es wichtig, dass die Kinder alles fragen können und darauf Antworten erhalten. Wenn sich Lehrpersonen im Raum befinden, wird das natürlich schwierig. Da gibt es dann nicht nur wenige bis keine Fragen diesbezüglich, sondern – in den höheren Schulen – auch nur mehr sozial erwünschte Antworten.

Bei den kleineren Kindern geht es uns hauptsächlich darum, dass sie von uns erfahren, was Sexualität ist, dass das erwachsene Menschen oder große Jugendliche machen, die sich lieben, die das wollen. Und dann erklären wir natürlich auch kindgerecht, was »blasen«, Analsex etc. ist, wenn diese Fragen kommen. Es gibt ja keine Fragen, die man nicht aufs Alter »runterbrechen« könnte: Wenn wir (oder andere Erwachsene) sie nicht erklären, finden sie andere Quellen …

Bei den Jugendlichen geht es auch darum, dass kein Leistungsdruck entstehen soll: »Das alles muss man machen«/ »So muss man aussehen« etc. Das reflektieren wir mit ihnen. Da gibt es sehr gute Methoden, die Spaß machen, die nicht mit dem Fingerzeig auf die »bösen Pornos« losgehen. Wer hier mit einer derartigen Einstellung zum Thema arbeiten möchte, wird nicht ernstgenommen.

Selbstverständlich reflektieren wir im Team unsere Werte und Einstellungen – zu immens vielen Themen der sexuellen Bildung und auch zur Pornografie, die ja weit mehr ist als die kostenlosen Mainstream-Klicks. Wir bilden uns auch permanent weiter auf diesen vielen Gebieten: Da hat Covid auch dazu beigetragen, dass dies nun oftmals viel einfacher, weil per Webinar, möglich wird.

Vielen Dank für das Gespräch. sr

Fachstelle Selbstbewusst

Gründung: 2004

Sitz: Salzburg, Österreich

Aktionsraum: Stadt und Land Salzburg, angrenzendes Bayern

Mitarbeiterzahl: derzeit: 2 Personen Geschäftsführung, 1 BackOffice, 9 Workshop-Leitende (selbstständig)

Kontakt: kontakt@selbstbewusst.at

www.selbstbewusst.at

Fachstelle Selbstbewusst, pixabay.com

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