Misstraue deiner Intuition

Junge Eltern, insbesondere Mütter, kennen diesen Rat: »Hör einfach auf dein Gefühl« oder: »Hör auf deine Intuition«. Er ist meist gut gemeint und wird gern angenommen. Denn seinem Gefühl zu folgen ist sehr bequem und entbindet von der Last, endlose Ratgeber zu studieren. Doch die Intuition ist kein angeborenes Wissen über die Weltordnung, sondern speist sich zu großen Teilen aus Erfahrung. Und auf diese Weise führen Eltern oft intuitiv autoritäre Muster fort.

Susanne Wawer

Intuition ist das Erste, was uns einfällt, wenn wir unverhofft eine Lösung für ein Problem brauchen. Wir denken nicht bewusst darüber nach, es ist eher ein natürliches Verständnis komplexer Vorgänge und ein angeblich angeborenes Talent, sich richtig zu verhalten. Dabei wird im allgemeinen Sprachgebrauch meist nur dann von »Intuition« als Grund für eine Handlung oder Entscheidung gesprochen, wenn etwas Gutes dabei herauskam. Wenn sich eine Entscheidung oder ein Verhalten als Fehler herausstellt, wird eher nicht von einer Intuition gesprochen. Wahrscheinlich ist das »intuitiv richtige Verhalten« auch deshalb so ein beliebter Rat für junge Eltern. Denn schließlich können sie dabei gar nichts falsch machen. Und wenn doch, war es eben keine Intuition.

Als Mutter von zwei Kindern war und bin ich häufig mit erzieherischen Intuitionen konfrontiert gewesen. Wenn ein Kleinkind einen Wutanfall hatte, bei dem es nicht zu beruhigen war, war meine Intuition: Das Kind braucht Grenzen und Strafen. Ich kam intuitiv auf die Idee, das Kind im Zimmer einzusperren, bis es sich beruhigt. Wenn mein Kind sich brüllend weigerte, auf einem unserer Wege weiter zu gehen, war mein Gedanke: »Ich muss ihm damit drohen, dass ich weitergehe und es allein zurücklasse«. Kurzum: Mein unmittelbares und direktes Gefühl spuckte mir ziemlich zuverlässig autoritäre Ideen vor die Füße, die ich bei näherer Betrachtung aber ablehnte.

Intuition basiert auf Erfahrung

Der Ursprung war leicht auszumachen: Es waren die erlernten und erfahrenen Verhaltensweisen und Reaktionen meiner Eltern und Großeltern, die sich in mir ihren Weg bahnten. Als ich mein wenige Monate altes Schreibaby durch die Nächte schaukelte und sang, musste ich gegen die inneren Stimmen anreden, die mir einflüsterten, dass das Kind mich um den Verstand bringen will mit seinem Geschrei. Die Annahme, dass Kinder einen, wenn man sie lässt, an der Nase herumführen, dass auch Säuglinge schon »schlau« und auf ihren Vorteil bedacht sind, dass sich Eltern davon aber nicht austricksen lassen dürften, hatte ich von meiner Großmutter. Es ist der Mythos des bösen Kindes, das sich, sobald man die Zügel zu locker lässt, in ein bösartiges, gemeines Biest verwandelt.

Mit der Ankunft eigener Kinder öffnet sich der Blick für die Erziehung in der eigenen Kindheit.

Was diese Beispiele zeigen sollen: Gefühle, Intuitionen und Bauchgefühle sind eine komplizierte Sache. Was aus dem Bauch kommt, ist nicht automatisch richtig und gut. Wenn wir selbst die Erfahrung einer autoritären Erziehung gemacht haben, wie sie vor wenigen Jahrzehnten üblich war, dann ist unser Bauchgefühl von diesen Erfahrungen geprägt. Über die Schwierigkeit, seine Gefühle zu deuten schreibt die Emotionsforscherin Dr. Carlotta Welding in ihrem Buch Fühlen lernen : »Gefühle sind in aller Munde, aber viele Menschen ›fühlen‹ kaum oder gar nicht mehr richtig: Ihnen fällt es schwer, die emotionalen Signale ihres Körpers wahrzunehmen, zu deuten und in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen.«

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