Wenn du mit mir schimpfst, kann ich mich nicht leiden!

Schimpfen ist eine gesellschaftlich anerkannte Form der Strafe. Was steckt dahinter? Warum erscheint Schimpfen manchmal als das Mittel der Wahl? Eltern können an sich arbeiten, um Schimpfen zu umgehen.

Verena Asche

Das Wissen darum, dass Strafen sich massiv negativ auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern auswirkt sowie auf die kindliche Entwicklung als solche, scheint inzwischen ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt zu sein. Allerdings gibt es gleichermaßen wohl ein großes Nichtwissen darum, wie anders auf das kindliche Nein, den kindlichen Gegenwillen, reagiert werden kann. Dies führt dazu, dass Eltern inzwischen allzu oft den Kunstgriff anwenden, statt von Strafen von »Konsequenzen« zu sprechen. Unter genauerer Betrachtung sind allerdings nach wie vor entwürdigende Maßnahmen gemeint, die darauf abzielen, bewusst seelische Verletzungen zugunsten von Gehorsam zu verursachen. Somit sind Strafen letztlich doch wieder ein fester Bestandteil im Alltag vieler Familien und Institutionen, die gesellschaftlich weiterhin unter dem Deckmantel von »Konsequenzen« gemeinhin akzeptiert sind. Nicht anders verhält es sich mit Schimpfen. Auch Schimpfen als solches verursacht kognitive Dissonanzen, da der Aggressor in der Regel oftmals spürt, dass sich sein Verhalten als nicht stimmig zu seinen eigenen Werten erweist. Er sieht sich hier allerdings nicht in der Lage, sein Verhalten als solches anzupassen, sondern versucht vielmehr diese entsprechenden Dissonanzen aufzulösen, indem er »Schimpfen« mit einem »authentischen Ausdruck von Emotionen und Gefühlen« gleichsetzt und argumentiert, dass »manchmal nun einmal geschimpft werden muss«. Beides hilft, das eigene Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen, führt aber nicht dazu, es zu reflektieren, zu hinterfragen oder gar zu transformieren. Das entspricht bei genauerer Betrachtung auch nicht dem Kern der Sache.

Inwiefern ist Schimpfen eine Form der Strafe?

Schimpfen lässt sich als eine Form der Strafe verstehen, da auf diese Weise versucht wird das Kind aktiv zu beeinflussen: mit der Absicht, dass es sich nicht wieder auf die zuvor gezeigte Art und Weise verhält. Dieses intentionale Einwirken auf ein Subjekt entspricht der Vorstellung des Behaviorismus. Das Subjekt wird in der Vorstellung der auf ihr Gegenüber einwirkenden Person zum formbaren Objekt. Dieser Prozess wird auch Verobjektivierung genannt. Das Kind soll also beginnen, sich selbst abzuwerten und in eine emotionale Notlage zu kommen, damit es nicht wieder bereit ist, das unerwünschte Verhalten zu zeigen. Das eigentliche Interesse am Gegenüber geht an dieser Stelle verloren. Ebenso die Frage, warum sich ein Mensch auf eine bestimmte Art und Weise verhält. Das eigentliche Subjekt spielt keine Rolle mehr. Der Fokus liegt hier einzig und allein auf der Verhaltensänderung. Miteinander in Kontakt und Verbindung zu treten spielt an dieser Stelle keine Rolle mehr. Genau das entspricht auch der Natur von Strafen: Es geht darum, dass die Person, die bestraft bzw. mit der geschimpft wird, derart unangenehme Emotionen empfindet, dass sie das vorangegangene Verhalten nicht noch einmal wiederholt. Schimpfen zielt – bewusst oder unbewusst – auf Erniedrigung und Abwertung.

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