Wertschätzung wirkt Wunder

Dr. Matthias Keidel ist Weltmeister im Wertschätzen. Er ist Dozent für Begabtenarbeit mit Jugendlichen und übertrifft sich jeden Tag aufs Neue in seinen Superlativen. Inzwischen hat er verschiedene Wertschätzungs-Strategien entwickelt. Eine Anleitung, wie man Jugendliche wertschätzen kann.

Tabea Zorn

Es war ein rauer Herbsttag. Ich saß mit meiner Mutter im Auto und schaute aus dem Fenster, sah, wie ab und zu ein paar rotbraune Herbstblätter auf die Straße fielen. Das Radio summte im Hintergrund und in meinem Bauch tummelten sich gemischte Gefühle: Mir war mulmig, ich war neugierig und unsicher. Es war mein erster Ferientag. Ich war 16 Jahre alt und auf dem Weg zu den Lernferien. Meine Lehrerin hatte mir von einer »Begabtenakademie«, die vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert würde, erzählt und mich begeistert vorgeschlagen. Alles sollte in dem katholischen Tagungshaus der Wolfsburg im Ruhrgebiet stattfinden – einem Tagungshaus, was sonst vor erwachsenen Akademikern wimmelt. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich keine großen Erwartungen an diese bevorstehende Woche.

Matthias Keidel ist Dozent an der Wolfsburg. Er hat dort die Begabtenarbeit ins Leben gerufen und leitet sie seit 15 Jahren. Er kennt das Gefühl der Jugendlichen, die in seine Lernferien kommen. »Hä?«, fragen sich die meisten. »Ich dachte, hier sind lauter Nerds, die eingebildet sind. Und dann ist es auch noch eine katholische Akademie.« Doch die anfängliche Vorsicht weiß Matthias zu überwinden. Hier in der Wolfsburg gibt es keine Noten. Es gibt kein Richtig oder Falsch, oder gar einen Erwartungshorizont. Keidel möchte eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre schaffen. Sein Ziel? »Am Ende sollte man schlauer, erfüllter und beseelter nach Hause gehen, als man gekommen ist.« Ist das sein Ansatz? »Alles ist gut und alles wird wertgeschätzt.«

Schon in den ersten Minuten kann man an seiner Wortwahl erahnen: Superlative sind hier keine Seltenheit. Wörter wie großartig, fantastisch, perfekt, fabelhaft oder unglaublich fallen gefühlt jede Minute. Er kennt jede Höchststufe eines Worts und schmeißt damit um sich. Bereits die Teamvorstellung ist für jeden Teamer eine warme Dusche.

Inzwischen, fünf Jahre später, zähle ich selbst zu einem dieser Teamer. Die Lernferien sind längst nicht mehr der unattraktive Begriff, mit dem ich sie damals assoziiert habe. Und Matthias Keidel ist einer der wichtigsten Wegbegleiter in meinem Leben geworden. Ich habe schon etliche Seminare mit ihm gemeinsam erlebt, und immer wieder fällt mir etwas auf: die unglaubliche Wertschätzung dieses Dozenten gegenüber allen Menschen im Seminarraum. Wie macht er das? Ich lade ihn zu einem Gespräch ein, in dem ich hinter die Kulissen seines Handelns schauen möchte. Wie geht Wertschätzung? Eine Anleitung in fünf Punkten.

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