Vom Erwachsenwerden

Wer einmal den Sinn von Erziehung in Frage stellt, kommt nicht umhin, die Institution Schule dieser Prüfung zu unterziehen. Das Ablehnen von Erziehung fußt auf einem fundamentalen Menschenbild, was dem von Schule und ihren Hierarchien entgegensteht.

Angela Schickhoff

Ich muss zugeben, dass ich die Werke von Ekkehard von Braunmühl nicht sehr gut kenne. Ich habe schon lange gewusst, dass es ihn und seine Bücher gab und in etwa, wofür er stand. Hier und da hatte ich Zitate aufgeschnappt, die mir gefielen. Bis heute steht er auf meiner »Noch zu lesen«-Liste. Auch mein Wissen über die Ideen eines erziehungsfreien Aufwachsens entstammt lediglich aus dem Mitlesen in einer entsprechenden Facebook-Gruppe (unerzogen – das original). Mein eigentliches Thema ist das schulfreie Aufwachsen von jungen Menschen.

Unser Kontakt als Familie mit diesen Themen erfolgte leider erst recht spät. Die beiden großen Kinder gingen bereits zur Schule, und wir hatten so einiges an Erziehung betrieben, obwohl wir andererseits auch schon aus dem Bauch heraus viele Gedanken hegten, denen wir nun begegnen sollten. Sicher waren wir deshalb auch sofort offen dafür. Unser »Einstieg« war, wie es, so meine ich, bei vielen der Fall ist, das Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück von Jean Liedloff. Wir lasen in der Folge hier und da vertiefend: Jesper Juul zum Beispiel oder auch Herbert Renz-Polster.

Zu richtigem Literaturstudium fehlten uns letztlich Zeit und Muße. Bis heute sind wir im Zusammenleben mit unseren vier Kindern auch keinem speziellen Konzept gefolgt. Und doch hat sich etwas Entscheidendes verändert. Denn wir begannen, unsere Kinder als selbstbestimmte Menschen wahrzunehmen. Letztlich, so erkannten wir, fußen all die Nicht-Erziehungs-Ansätze, die einen anderen Umgang mit unseren Kindern forderten, auf diesem grundlegend anderen Menschenbild. Bis heute versuchen wir, mit mehr oder weniger Erfolg, das Zusammenleben mit unseren Kindern nach diesem Bild zu gestalten. Das bedeutet, dass wir nicht erziehen wollen, dass wir gemeinsam alles besprechen und entscheiden, was unsere Familie betrifft, und dass die Kinder möglichst weitgehend über ihr Leben selbst bestimmen. Dabei gibt es Höhen und Tiefen, aber es funktioniert zunehmend gut.

Schule wird nie in Frage gestellt

In Folge dessen konnten wir unsere Augen für das öffnen, was mit ihnen in ihren Schulen geschah. Hiermit haben wir uns dann auch wesentlich intensiver beschäftigt. Waren wir früher noch bereit gewesen, die schulischen Anforderungen an unsere Kinder zu unterstützen, sahen wir nun immer wieder, dass wir dafür ihre Grenzen überschreiten mussten. Wir mussten sie wecken, antreiben, dafür sorgen, dass sie ihre Hausaufgaben erledigten. Wir selbst mussten permanent Material besorgen oder wenigstens bezahlen, zu Elternabenden und anderen mehr oder weniger Pflichtveranstaltungen erscheinen – so bestimmte die Schule (nach der eigenen Schulzeit – schon wieder) auch einen Großteil unseres elterlichen Lebens. Die Planung der Familienzeit hing beinahe vollständig von den schulischen Vorgaben ab.

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