Die pädagogische Antwort auf die Antipädagogik

Es lag auf der Hand, dass die Pädagogik und Erziehungswissenschaft auf die Antipädagogik reagieren musste. Trotz besonnener Stimmen ging es der Pädagogik dabei vor allem um eine Erklärung, »warum man nicht nicht erziehen kann« (Rolff, 1982) und warum die antipädagogische Aufklärung nicht überzeugen kann.

Ulrich Klemm

Nachdem die antiautoritäre Erziehungsbewegung Ende der 1960er und Anfang der 1970er erfolgreich von der deutschen Pädagogik und Gesellschaft abgewehrt werden konnte, erfolgte Mitte der 1970er Jahre ein weiterer Angriff auf das »Prinzip Erziehung«. Er wurde gleichsam zur Kriegserklärung an das Erziehungswesen insgesamt. Erklärtes Ziel war die »Abschaffung der Erziehung«, so der Untertitel des Bestsellers Antipädagogik (1975) von Ekkehard von Braunmühl.

Angriff auf das »Prinzip Erziehung«

In dieser Zeit und den folgenden zwanzig Jahren entwickelte sich eine bunte, laute und heterogene erziehungskritische Bewegung, die sich aus unterschiedlichen Richtungen zusammensetzte: aus der Kindheitsforschung (Philippe Ariès, 1960; Llyod deMause, 1974), der »Schwarzen Pädagogik« (Katharina Rutschky, 1977), der Psychoanalyse (Alice Miller, 1979), der Ethnologie (Jean Liedloff, 1977), der Kinderrechtsbewegung (John Holt, 1975), der gesellschaftskritischen Literatur (Christiane Rochefort, 1976), der Entschulungsbewegung (Bertrand Stern, 1985) und der Lernpsychologie (Bernd Sensenschmidt, 1992).

Diese breite und interdisziplinäre fundamentale Kritik an der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen erlebte aus dem Mainstream der Pädagogik und Erziehungswissenschaft heraus – wie nicht anders zu erwarten war – eine massive Gegenposition und Abwehr.

Auch wenn einzelne Pädagogen und Erziehungswissenschaftler ebenfalls zu einer grundsätzlichen Kritik am erzieherischen Verhältnis der Generationen kamen, z. B. Heinrich Kupffer (1980), Wolfgang Hinte (1980), Bernd Sensenschmidt (1992) – und etwas moderater Hermann Giesecke (1985), Johannes Beck (1983), Heinrich Dauber (1983) sowie Andreas Flitner (1982) –, verteidigt der Großteil der professionellen Pädagogen und Erziehungswissenschaftler bis heute vehement »Erziehung« als eine anthropologische und basale Grundkategorie des Menschseins.

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