Befreiung von der Last des Erziehungsanspruchs

Zum Gedenken an den »Befreier« Ekkehard von Braunmühl (1940-2020)

Wolfgang Hinte, Otmar Preuß und Bernd Sensenschmidt

Vor 45 Jahren wirkten wir in diversen pädagogischen Arbeitsfeldern an Hochschulen und Lehrerbildungseinrichtungen, teilweise noch in Ausbildung bzw. beruflicher Qualifizierung, als die erziehungskritische »Bombe« hochging: In der Buchreihe BELTZ Diskussion erschien 1975 das Buch Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung des freien Journalisten Ekkehard von Braunmühl. Seine scharfsinnige Entlarvung der »Erziehungsbedürftigkeit« des Menschen als willkürliche Setzung, deren in der damaligen Erziehungswissenschaft gängige Begründung er schlüssig als fehlerhaft entlarvte, beeindruckte und überzeugte uns und beeinflusste unseren weiteren beruflichen Werdegang in pädagogischen Arbeitsfeldern – und unser Privatleben mit Kindern – nachhaltig.

In den 1980er Jahren lernten wir Ekkehard von Braunmühl auf den Regensburger Kongressen für Bildungsfreiheit persönlich kennen, als sich dort Erziehungs- und Schulpflichtkritiker aus ganz Mitteleuropa jährlich trafen. Die etablierte Erziehungswissenschaft hatte den Frontalangriff auf ihr »liebstes Kind« durch Totschweigen abzuwehren versucht, doch mehrten sich seit Ende der 1970er Jahre Publikationen, die Ekkehard von Braunmühls Kritik aufgriffen und in diverse Arbeitsfelder auffächerten, so z. B. die psychoanalytisch ausgerichteten Studien von Alice Miller oder 1980 die »Non-direktive Pädagogik« von Wolfgang Hinte, die den »antipädagogischen« Angriff verbal vermieden und aufzeigten, wie pädagogische Arbeitsansätze abseits der Grundannahme der »Erziehungsbedürftigkeit« theoretisch begründbar und praktisch umsetzbar sein können. Weite Verbreitung erlangte das 1980 in deutscher Übersetzung erschienene Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit , der US-Amerikanerin Jean Liedloff (1926-2011), das in 18 Auflagen erschien und Fragen aufwarf, die junge Leute in die Hochschulen und die postuniversitäre Lehrerbildung trugen. Nach fünf Aufenthalten beim indigenen Stamm der Yequana in Venezuela beschrieb Jean Liedloff in diesem Buch deren auf intentionale (absichtsvolle) »Erziehung« vollkommen verzichtendes Zusammenleben, das sie als sehr glücklich für alle empfand; später bestätigte sie ihre bei den Yequana gewonnenen Eindrücke bei Besuchen auf Bali bei dortigen Eingeborenen. Was Ekkehard von Braunmühl in »Antipädagogik« in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Postulat der »Erziehungsbedürftigkeit« analysiert hatte, fand bei Jean Liedloff eine gelebte Bestätigung.

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