Antipädagogische Aufklärung

Ekkehard von Braunmühls rund 50-jähriger Kampf um die Gleichberechtigung der Generationen, die er oft einfach »die Kinderfrage« nannte, hat die Welt verbessert – wenngleich noch einiges unerledigt ist.

Mike Weimann

Als ich Ende der 80er Jahre über die Westgrenze eingeschmuggelte Bücher von ihm las und ihn 1990 das erste Mal persönlich traf, ahnte ich nicht, mit welcher Wucht er und sein Werk mein Restleben beeinflussen werden. Obwohl er mir Bananen schenkte, weil man das mit den Affen aus dem Osten so machte, haben wir uns danach mehrfach getroffen und geschrieben und wir haben oft telefoniert. Seine Frechheiten machten ihn mir nur noch sympathischer. Er hat später die Kinderrechtsgruppe KRÄTZÄ , in der ich jahrelang mitgearbeitet habe, beraten. Er hat ununterbrochen unglaublich viele Bücher gelesen und neun Bücher geschrieben. Er empfahl mir seine Lektüre oft weiter, Bücher über Gehirn und Psyche, Kommunikation und Menschenrechte. Ich habe ihn mehrfach bei Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen erlebt. Immer beeindruckte er seine Leser und Zuhörer mit seinem Wissen, seinen Schlussfolgerungen, seiner Logik, seiner klaren, manchmal beißend scharfen und zugleich witzigen Argumentation. Er liebte die Sprache. Auf fast jeder Seite seiner Bücher überrascht er damit, Worte auseinanderzunehmen, in ihnen einen zweiten Sinn zu erkennen, unbewusste Wirkungen zu enttarnen. Ich fand die Präzision seiner Analysen immer großartig – auch wenn sie ihn oft zu Einschüben verleitete, mit Zitaten darin, die dann noch Fußnoten erforderten, so dass der Leser oft zu kämpfen hatte.

Der Autor Mike Weimann und Ekkehard von Braunmühl Anfang der 90er Jahre.

Dieses Phänomen war ihm bewusst, deshalb sind seine Bücher von unterschiedlichem Stil: Einige kann man einfach so herunterlesen – sie richten sich an »Erziehungssubjekte« (zum Beispiel Zeit für Kinder , 1978). In anderen argumentiert er mit Wissenschaftlern, sodass Zitate, Quellenangaben und Fußnoten nötig sind. Das passiert in der Antipädagogik (1975) und besonders auffällig im Heimlichen Generationenvertrag (HGV; 1986). Diesem Buch gab er den Untertitel Jenseits von Pädagogik und Antipädagogik um noch mehr Menschen zu erreichen.

Bereits in Zeit für Kinder hatte er festgestellt:

Ich habe mit der »Antipädagogik« den professionellen Feinden der Neuzeit den Kampf angesagt, aber sie drücken sich vor der Diskussion und versuchten es – dank dem »breiten« Publikum vergeblich – mit dem Totschweigen. Sie sind überfordert, man kann sie nur aussterben lassen und in der Zwischenzeit ihren Einfluß so gut wie möglich verringern, um Kinder vor ihnen zu schützen.

Den HGV schrieb er acht Jahre später. Die Rezeption seiner Bücher veranlasste ihn, nicht nur über das »Zeitalter der Erziehung« zu schreiben, das »vorbei« sei. Vielmehr widmet er das (gefühlt) halbe Buch der Akzeptanz des Textes beim Leser.

Gerade in der Kinderfrage gibt es eine Reihe von Tatsachen, vor denen viele Menschen aus (subjektiv) guten Gründen aktiv die Augen verschließen. Ihnen, wie oft gesagt wird, die Augen »öffnen« zu wollen, würde letztlich einen Vergewaltigungsversuch bedeuten.

Ausdrücklich lud er die Leser als »Zaungäste« ein – und eben nicht als Adressaten seiner Darlegungen. Seinen Text deklarierte er als »Diskussion verschiedener Standpunkte, Meinungen usw.«, die er mittels zahlreicher Zitate belegt.

In Zur Vernunft kommen – Eine Anti-Psychopädagogik (1990) verstärkt EvB (wie er sich oft selbst abkürzte) diesen Ansatz. Er präsentierte sein Seele-Verstand-Modell. »Die Seele ist zum Fühlen da. Das Verstehen ist Sache des Verstandes.« Mit dieser Unterscheidung erklärt er, warum das »Projekt der Aufklärung« gescheitert ist. Die Aufklärer hätten versucht – so die These – die Seele zur Vernunft zu bringen, die Seele (diese im Buch sorgfältig beschriebene Instanz des Modells) fühlt aber nur. Für das Falschmachen sei der Verstand da, der korrekt informiert werden müsse. – Ein weites Feld, das hier nicht beackert, nicht einmal vollständig überblickt werden kann.

EvB hatte gehofft, dass es auf dem »Weg zur kinderfreundlichen Gesellschaft« schneller vorangeht. Die Forderung, die Menschenrechte der Kinder zu achten und die Erziehung abzuschaffen, wurde nur zögerlich öffentlich und in Fachkreisen aufgenommen.

Erschwerend kam hinzu, dass die attraktive und provozierende Wortschöpfung »Antipädagogik« und die angestrebte »Abschaffung der Erziehung« im Laufe der Zeit durch Hubertus von Schoenebeck und seinen Verein Freundschaft mit Kindern (FMK) in Verruf gebracht wurden. Der hatte die »kritische Theorie über die Pädagogik« in eine verquaste »neue Lebensphilosophie« umgeformt, in der man angeblich keine Fehler mehr machen könne, weil jeder sowieso jederzeit sein Bestes tue. Von Schoenebeck wendete folglich bei Gelegenheit auch Gewalt an, da er das dann »ich-bezogen« tat. Er schrieb selbst, dass er »selbstverständlich seine Machtmittel einsetzt«. EvB erkannte zudem die »grundsätzliche Leugnung auch der offensichtlichsten realen Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern« als das zentrale Element des »Phänomens FMK«.

Leider erreichte die »Privatsekte« (EvB) von v. Schoenebeck durch Publikationen und Vorträge viele Menschen in ganz Deutschland. Diese wandten sich zwar meist von ihm ab, weil seine Thesen nicht verständlich und inakzeptabel waren. Das fügte dem Anliegen von Ekkehard von Braunmühl und der Idee von einer kinderfreundlichen und erziehungskritischen Welt dennoch großen Schaden zu. Wer in dieser Zeit »Antipädagogik« sagte, wurde schnell als Jünger von v. Schoenebeck eingeordnet – und nicht ernst genommen. Ernsthaft, wissenschaftlich oder politisch konnten sich renommierte Leute und Institutionen kaum noch mit der antipädagogischen Idee befassen, ohne den eigenen Ruf zu beschädigen.

Im Buch Was ist antipädagogische Aufklärung? – Missverständnisse, Missbräuche, Misserfolge der radikalen Erziehungskritik (1997) verteidigte EvB die »seriöse, rationale und realistische« antipädagogische Aufklärung. Ich habe das Buch verschlungen – der Scharfsinn und Witz von EvB haben erneut Spaß gemacht, obwohl es besser gewesen wäre, wenn die Abrechnung mit dem »esoterisch gewürzten Gedankensalat« nicht nötig gewesen wäre.

EvBs Analyse bewirkte zwar, dass von Schoenebeck den Begriff Antipädagogik nicht weiterverwendete und seine Reichweite kleiner wurde. Der Schaden für die antipädagogische Aufklärung war aber eingetreten. Die Antipädagogik als Theorie über die Pädagogik ist seither fast völlig in Vergessenheit geraten. Anders als in ihren ersten Jahren geht die Erziehungswissenschaft auf sie kaum noch ein, in Elternkreisen ist sie wenig bekannt. Nach meiner Meinung ist das zu bedauern, ja tragisch – und ich wünschte, dass die Kritik an der Erziehung (wie sie in der Antipädagogik definiert ist) und der damit verbundenen »Kinderfeindlichkeit« ernst genommen wird. Nur so hat die »Kinderfreundlichkeit« eine echte Chance.

Wirkung

Die Wirkung der Arbeit von Ekkehard von Braunmühl auf Eltern, Pädagogen und Politiker lässt sich schwer abschätzen.

Das von EvB angeprangerte deutsche Züchtigungsrecht, das unmittelbare Gewalt gegen Kinder erlaubte und gegen Menschrechte und das Grundgesetz verstieß, wurde nach langen Diskussionen im Jahr 2000 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch entfernt (§1631), ein Erfolg auf dem Weg zur Generationengerechtigkeit. Bevor der §1631 im Bundestag geändert wurde, rief die Abgeordnete und Mitgründerin der Grünen Waltraut Schoppe bei EvB an und er beriet sie ganz konkret. Es lässt sich natürlich nicht genau messen, welchen Anteil die Schriften von Ekkehard von Braunmühl und die Initiativen von Einzelnen und kleinen Gruppen daran hatten, die öffentlich gegen die Erziehungsideologie und für die Gleichberechtigung des Kindes gekämpft haben. Aber sie haben unzweifelhaft zu einem beginnenden Bewusstseinswandel beigetragen.

Ich war von der Idee der Gleichberechtigung der Generationen schwer beeindruckt und wollte dazu beitragen, dass sie Wirklichkeit wird. Das mündete in die rund 15jährige Serie von kinderrechtlichen Aktionen der Kinderrechtsgruppe KRÄTZÄ. Mit zeitweise über zwanzig Jugendlichen brachten wir die antipädagogische Aufklärung unters Volk. Wir probierten alle Aktionsformen aus, die uns überhaupt eingefallen sind. Eine superkurze Zusammenfassung findet man unter dem Wikipedia-Eintrag »KRÄTZÄ«:

Krätzä hat Broschüren, Plakate, Berichte, Postkarten, Flugblätter, Pressemitteilungen, die eigene Zeitschrift Regenbogen, Wahlkampfplakate, Zeitungs-Sonderausgaben, Grundsatztexte, Aufkleber, Großplakate und Filme herausgebracht und veranstaltete teils internationale Exkursionen, Seminare sowie Informationstage und hielt Vorträge. Krätzä organisierte Ausstellungen und Konferenzen, strengte Gerichtsverfahren zur Durchsetzung von Kinderrechten an, darunter zweimal vor dem Bundesverfassungsgericht. Außerdem organisierte Krätzä Demonstrationen, Pressekonferenzen und Kampagnen. Krätzä veröffentlichte den Menschenrechtsreport »Die Diskriminierung des Kindes«.

Die Leser verschone ich aus Platzgründen mit Einzelheiten – obwohl viele unserer Aktionen berichtenswert sind. Manche waren absichtsvoll unterhaltsam und kontrovers, weil wir so die Aufmerksamkeit für unsere Forderungen steigern konnten. Zum Beispiel führten wir viele »Willkommen im Knast«-Demonstrationen morgens vor Berliner Schulen durch – mit Transparent und Flugblättern. Ein Mitstreiter verweigerte mit sieben guten Gründen offiziell den Chemieunterricht, was dank des daraufhin erfolgten Schulausschlusses und zweier Gerichtsprozesse viele Leute interessierte. Die Berichterstattung lief rund ein Jahr – auch, weil die Frage im Raum stand, ob zukünftig jeder Schüler unliebsame Fächer abwählen kann. Wir haben damals auch jahrelang um das Wahlrecht ohne Altersgrenze gefochten – ein anderes weites Feld.

In den 90iger und 00er Jahren berichteten Zeitungen und Sender regelmäßig über uns, manchmal wurden Vertreter von uns eingeladen, wir konnten mit der Resonanz halbwegs zufrieden sein, obgleich sich wenig an Elternhaus und Schule – und noch weniger am Wahlrecht geändert hat. Immerhin erhalten wir bis heute Rückmeldungen (pro und contra) zu unserem Grundsatztext Erziehen ist gemein , den es hier auf Seite 19 zu lesen gibt.

Die meisten Texte aus diesen Jahren sind online verfügbar – als Archiv: www.kraetzae.de . Die Robert-Havemann-Gesellschaft hat zusätzlich die physischen Akten von KRÄTZÄ in ihr Archiv aufgenommen, wo sie für Interessierte eingesehen werden können und für die Nachwelt erhalten bleiben (125 Bände).

Das inzwischen 13jährige unerzogen Magazin ist natürlich eine weitere sehr direkte Folge und Weiterführung der Arbeit von Ekkehard von Braunmühl. Das »unerzogen« im Namen steht für die »überflüssige und auch schädliche« Erziehung. Der tologo verlag veröffentlicht laufend einschlägige Bücher, damit aus den »Opfern der Erziehungsideologie nicht ihre Schergen« werden ( Antipädagogik , Kapitel Die pädagogische Ambition ).

Viele Leser sind vermutlich besser über die Geschichte informiert, als ich ahne, deshalb kann die Liste der Auswirkungen der Arbeit von Ekkehard von Braunmühl an dieser Stelle abgebrochen werden.

Wirklichkeit

Wie könnte eine Bilanz 45 Jahre nach Erscheinen der Antipädagogik aussehen? Bei KRÄTZÄ haben wir unsere Ziele meist drei Themen zugeordnet: Familie, Gesellschaft und Schule. Vielleicht ist das eine geeignete Unterteilung, will man Fortschritte bei der »Kinderfrage« einschätzen.

Schwierig bleibt es dennoch, denn welche Daten soll man heranziehen? Die angesehenste deutsche Studie, die Shell-Jugendstudie, hat seit 2002 mehr oder weniger kleine Verbesserungen festgestellt. Die Zahl der Jugendlichen, die ihr Verhältnis zu den Eltern als »bestens« bezeichnen, ist in den letzten 17 Jahren von 31 % auf 42 % gestiegen. Zur Aussage »Politiker kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken« sagten allerdings voriges Jahr noch 72 % Ja. Die Schule kommt in der Shell-Studie gar nicht richtig vor, man erfährt lediglich, dass das Abitur jetzt von 61 % der Jugendlichen statt von 49 % (2002) angestrebt wird. – Die Macher der Studie denken meiner Meinung nach nicht in den Kategorien von Menschrechten und Gleichberechtigung. Ihre Ergebnisse sind insofern fragwürdig, will man sie daran messen.

Wer erklärt den Eltern, wie sie gleichberechtigt mit den Kindern leben können?

Jemand, der wie ich Pädagogik und die »Kinderfrage« im akademischen und politischen Betrieb nicht intensiv verfolgt, kann nur einige Eindrücke oder Fragen formulieren. Dabei möchte ich vorsichtig und nicht zu negativ sein – auch wenn ich davon überzeugt bin, dass die Kinderfrage noch lange nicht geklärt ist. Zeichen des Fortschritts sind durchaus zu erkennen, zum Beispiel im Berliner Bildungsprogramm für Kindergärten. Auch die ersten Paragraphen des Berliner Schulgesetzes klingen so, als hätten sie sich in den letzten 50 Jahren verbessert, selbst wenn im Paragraph 127 die Grundgesetzwidrigkeit der Schulpflicht zugegeben wird.

Familie

Ich würde also der Einschätzung zustimmen, dass die Zahl der Kinder, die unter elterlicher Bevormundung leiden, abnimmt – wenngleich es besser wäre, das Ausmaß genauer zu kennen. Ich schlage vor, dies aus Kindersicht zu erheben. Die alten Probleme, die wir bei KRÄTZÄ vor knapp dreißig Jahren in unserer KinderRÄCHTzwiebel (Kinderrechtsfibel) gesammelt haben, sind nach meinem Eindruck in vielen Familien noch immer gang und gäbe – wenn auch vielleicht nicht genau dieselben. Statt »Wer bestimmt, was geguckt wird? (Wer hat die Macht über die Fernbedienung?)« wird heute vielleicht das WLAN abgestellt – oder noch schlimmer: die Eltern kontrollieren die sogenannte Mediennutzung heimlich – womöglich orten sie das Handy ihrer Kinder rund um die Uhr.

Eltern, die sich mit ihren Kindern nicht über die Zeiteinteilung verständigen, sondern diese einfach vorgeben, sind keine Seltenheit. Druck üben Eltern heute weniger grob (ohne Schläge) aus, Kinder hören dafür Lob und Tadel, was beides qualitativ dasselbe ist – eine Be- bzw. Verurteilung, jedenfalls kein gleichberechtigter Umgang. Kinder können damit noch schlechter fertig werden, wenn die Eltern sich gleichzeitig als scheinbar gleichberechtigte Partner ausgeben. Oder mit den Worten von EvB in Zeit für Kinder :

Viele Erwachsene glauben, ihre Kinderfreundlichkeit dadurch zu beweisen, dass sie Kinder nicht schlagen. Sie wissen nicht, dass Prügel unter Umständen kinderfreundlicher sein können als andere Erziehungsmaßnahmen.

Wer erforscht die Wirkung der so modern klingenden, angeblich »gewaltfreien Erziehung«, die noch viele unbewusste Formen der Machtausübung enthält? Wer erklärt den Eltern, wie sie gleichberechtigt mit Kindern leben können? Eine kleine Anregung für zu klärende Fragen gibt es in unserem Archiv: www.kraetzae.de/sonstiges/zwiebel

Gesellschaft

Kinder sollen heute auch in nicht-familiären Fragen mitbestimmen – heißt es. In Art. 12 der vielgelobten Kinderrechtskonvention ist das so geregelt:

Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.

Ist das nicht äußerst unreflektiert formuliert? Kinder, die unfähig sind, sich eine Meinung zu bilden, können diese auch nicht äußern. Weshalb muss ihnen dann das Recht, eine Meinung zu äußern, noch extra abgesprochen werden? Wer beurteilt, ob die Meinung eine eigene oder eine fremde ist? Warum dürfen sie sich nur in »allen das Kind berührenden Angelegenheiten« frei äußern? Niemand kommt auf die Idee, dergleichen bei einem Erwachsenen in Paragrafen regeln zu wollen.

Was ist der Unterschied zwischen »berücksichtigen« und »angemessen berücksichtigen«? In der Erwachsenenwelt weiß jeder, dass »Meinung berücksichtigen« nicht »Forderung erfüllen« bedeutet. Es heißt, auf sie Rücksicht zu nehmen, sofern das im Spannungsverhältnis mit anderen Rücksichtnahmen möglich ist. Die Angemessenheit, die das Berücksichtigen der kindlichen Meinung um eine gegebenenfalls erhebliche Größe verkleinert, ist eine Anmaßung, vielleicht sollte es besser »anmaßende Berücksichtigung« heißen. Wem das vermessen erscheint, der stelle sich den Artikel auf Erwachsene angewendet vor:

Die Vertragsstaaten sichern dem Rentner, der fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen den Rentner berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Rentners angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit.

Die Kritik an der Kinderrechtskonvention hatte KRÄTZÄ bereits vor über zwanzig Jahren, sie stammt aus der Zeit, in der wir das Kinderwahlrecht eingeklagt haben. Die Formulierung der Kinderrechtskonvention verrät die Haltung der Erwachsenen (die die Texte verabschieden) und wie weit entfernt sie sind von einer an Menschenrechten orientierten Sicht auf die Kinder.

Auch Wählen ist eine Meinungsäußerung und das Wahlrecht ist ein Grundrecht. Zu den Prinzipien einer modernen Demokratie gehört, dass Grund- und Menschenrechte allen Menschen zustehen, auch Kindern. Das Wahlrecht macht keine Ausnahme. Altersgrenzen sind da unzulässig. Eine Gesellschaft, in der es kein Kinderwahlrecht gibt, ist folglich undemokratisch – so hart das auch klingt. Die Unmenge an hierzu vorliegenden Argumenten steht an anderer Stelle, bei Interesse bitte dort nachlesen, www.kraetzae.de/wahlrecht .

Übrigens plädiert ein Aktionsbündnis Kinderrechte derzeit für die Aufnahme von Kinderrechten in das Grundgesetz. Deutsches Kinderhilfswerk , Deutscher Kinderschutzbund , UNICEF Deutschland und die Deutsche Liga für das Kind formulieren in ihrem Vorschlag für einen zusätzlichen Artikel 2a ähnlich wie die Kinderrechtskonvention:

(3) Jedes Kind hat das Recht auf Beteiligung in Angelegenheiten, die es betreffen. Seine Meinung ist entsprechend seinem Alter und seiner Entwicklung in angemessener Weise zu berücksichtigen.

Wie kommen die Autoren auf diesen Gedanken? Wozu überhaupt ein zusätzlicher Artikel? Warum gelten nicht sowieso alle Grundrechte auch für Kinder, da Kinder auch Menschen sind? Wäre es nicht einfacher, klarer und logischer, den Artikel 3 des Grundgesetzes zu ergänzen: »Niemand darf wegen seines Alters benachteiligt werden.«?

Wie im Abschnitt Familie erkennt man an diesem Beispiel, dass noch viel zu tun ist, wenn man den Ideen von Ekkehard von Braunmühl gerecht werden will.

Schule

Die Kritik am deutschen Schulsystem ist so umfassend, dass sie hier nur angedeutet werden kann. Vor 25 Jahren haben die Jugendlichen von KRÄTZÄ ihre Kritik aufgeschrieben. Die 14 Absätze behandeln diese Themen:

  • Nicht das lernen, was man will
  • Zuviele Kinder in einer Klasse
  • Nur Gleichaltrige
  • Verkrampft-sture Zeiteinteilung
  • Der Lehrer sitzt am längeren Hebel
  • So sein, wie andere es sich wünschen
  • Uninteressanter Unterricht
  • Lernen hinter Mauern
  • Eigentlich versagt die Schule
  • Tägliches Leid durch Angst und Frust
  • Viele bleiben auf der Strecke
  • Alle müssen dasselbe lernen
  • Der Zwang anwesend zu sein
  • Lehrer sind auch Menschen

Hier ist die Langfassung: www.kraetzae.de/schule/plakat/. Natürlich leiden nicht alle Schüler und nicht jeden Tag – meist sind sie tolerant, flexibel und passen sich eben an, bzw. geben den Widerstand auf, weil sie sich eine Alternative nur schwer vorstellen können. Die Chance, ohne Konkurrenz, Druck und Angst älter zu werden, haben sie jedoch nicht. Die meisten Schüler freuen sich, wenn sie nicht zur Schule müssen. Hurra, hurra die Schule brennt! hieß ein Lied von 1982, das noch heute vielen Schülern eine Hymne sein könnte. (In Corona-Lockdown-Zeiten wollten manche zwar gern in die Schule – aber eher wegen ihrer Freunde oder weil es zu Hause langweilig ist.)

Es wäre jedoch unfair zu behaupten, dass sich nichts geändert hat. Engagierte Pädagogen und Politiker bemühen sich laufend um Verbesserungen im Schulsystem. Manche Änderungen sind eher kosmetischer Natur oder haben kaum Bezug zur antipädagogischen Kritik – andere sind fortschrittlich. Der Wahlpflichtunterricht im Gymnasium, das jahrgangsübergreifende Lernen, die Integration von behinderten Kindern, die Einführung von Gemeinschaftsschulen, die Abschaffung der Hauptschule und der Verzicht auf Zensuren in den ersten Schuljahren sind Beispiele.

Ekkehard von Braunmühl, Mike Weimann und seine Partnerin Meta Sell trafen sich 2019 wieder.

Dennoch bleibt die grundsätzliche Kritik am Schulsystem bestehen. So lese ich in der Zeitung, dass es wegen der Corona-Pause eine »Aufholjagd nach dem verlorenen Wissen« gibt und dass der »geschrumpfte Stundenplan« beklagt wird. Das klingt sehr nach dem altbekannten Trichter-Modell und so, als ob die Schule ansonsten funktionieren würde. Hoffnung spendet da die aufschlussreiche Botschaft des OECD-Bildungsdirektors, der kritisch verlauten lässt: »In Deutschland dominiert das »Fabrik-Modell Schule«, in dem Lehrer »wie am Fließband« unterrichten.«

In der Tradition der Antipädagogik und früherer Vordenker und unter internationalem Einfluss entstehen zwar seit einigen Jahren auch in Deutschland einige wenige Schulen, auf die obige Schulkritik nicht zutrifft – zum Beispiel die Demokratischen Schulen. Ihre Anhänger gründeten vor 12 Jahren einen europäischen Zusammenschluss, die European Democratic Education Community – EUDEC. Aber Schulgründungen sind nach wie vor schwierig und es gibt nur wenige solche Schulen.

Der Freiheitskampf, den Ekkehard von Braunmühl geführt hat, ist noch lange nicht zu Ende. Die alten Schulstrukturen sind in den meisten und wesentlichen Punkten unverändert anzutreffen. Wer hat Ideen, wie Regelschulen möglichst bald in kinderfreundliche Orte verwandelt werden können, in denen Erwachsene und Kinder gleichberechtigt leben? Vielleicht kann die Theorie der Selbstbestimmung (www.selfdeterminationtheory.org) die menschenrechtlichen Argumente der Antipädagogik ergänzen. Sie befasst sich mit der Motivation von Menschen und hat Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als psychologische Grundbedürfnisse erkannt.

Weitermachen

Ekkehard von Braunmühl hat vor 50 Jahren aufgeschrieben, wie es zum Frieden zwischen den Generationen kommen kann. Die »Kinderfrage« kann nur durch die Abkehr von der Machtausübung der Erwachsenen gelöst werden. Die Menschenrechte gelten auch für Kinder, sie werden aber oft missachtet. Die politischen und organisatorischen Traditionen in der Gesellschaft sind kräftig und träge, sie be- und verhindern bis heute, dass die Gleichberechtigung ohne Altersgrenzen eine ernstzunehmende gesellschaftliche Aufgabe ist.

Dabei ist das Konzept der Menschenrechte einfach: Es schützt die Schwächeren vor den Stärkeren. Die Menschrechte sind vereinbart worden, um das Faustrecht, das Recht des Stärkeren zu durchbrechen – weil jeder Mensch die gleiche Würde hat. Diese abstrakte Würde wird durch die Grund- und Menschenrechte geschützt. Niemand soll Angst haben, auch wenn er körperlich oder irgendwie sonst schwächer ist als seine Mitmenschen. Im Gegenteil, ihm soll bei Bedarf geholfen werden.

Bei Erwachsenen klappt das im Allgemeinen ganz gut. Dass es wegen ihres Unterstützungsbedarfs erst recht für Kinder gelten muss, hat sich noch immer nicht herumgesprochen. Kein Wunder, dass es in Familie, Staat und Schule für Kinder noch viel zu verbessern gibt. Jeder kann die Initiative ergreifen, um dabei mitzumachen. Wie wäre es, mit der Lektüre eines Buches von Ekkehard von Braunmühl zu beginnen? ■

1 Winkler, Über das Pädagogische an der Antipädagogik, Zeitschrift für Pädagogik 31 (1985) 1, S. 65-76

2 www.ich-bin-so-frei.blogspot.com

3 Bartmann in: Heimrath (Hg.), Die Entfesselung der Kreativität, Drachenverlag, 1988

4 Heimrath, Tilmann geht nicht zur Schule, Drachenverlag, 1991

5 Heimrath in: Schröder (Hg.), Kindheit – ein Begriff wird mündig, Drachenverlag, 1992

6 Schröder (Hg.), Kindheit – ein Begriff wird mündig, Drachenverlag, 1992

Mike Weimann

engagierte sich beim Spielwagen Berlin schon zu DDR-Zeiten für Aktionen mit Kindern und die Antipädagogik. Er ist Mitbegründer der Berliner Kinderrechtsgruppe KinderRÄchTsZÄnker – K.R.Ä.T.Z.Ä. (www.kraetzae.de) und der Netzwerk-Schule in Berlin. Er schrieb das Buch Wahlrecht für Kinder (www.kinderwahlrecht.de). Zurzeit publiziert er Plakate mit Elternsprüchen in vielen Sprachen (www.gotobednow.com).

Weitere Infos

Vortrag von Ekkehard von Braunmühl anlässlich der didacta 1995 in Düsseldorf: miwe.org/evb

Chronologie der Auseinandersetzung mit dem Freundschaft mit Kindern e. V.: miwe.org/fmk

de.wikipedia.org/wiki/Antipädagogik

Literatur

Folgende Bücher hat Ekkehard von Braunmühl publiziert:

Antipädagogik – Studien zur Abschaffung der Erziehung , 1975.

Die Gleichberechtigung des Kindes (mit Heinrich Kupffer und Helmut Ostermeyer), 1976.

Zeit für Kinder – Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit, Kinderschutz , 1978.

Musterkind – Tagebuch eines minderjährigen Menschen (unter Pseudonym Hans-Joachim Mariano), 1984.

Der heimliche Generationenvertrag – Jenseits von Pädagogik und Antipädagogik , 1986.

Zur Vernunft kommen – Eine »Anti-Psychopädagogik« , 1990.

Liebe ohne Hiebe – Der Weg zu harmonischen Familienbeziehungen (mit Annette Böhm), 1993.

Gleichberechtigung im Kinderzimmer – Der vergessene Schritt zum Frieden (mit Annette Böhm), 1994.

Was ist antipädagogische Aufklärung? Missverständnisse, Missbräuche, Misserfolge der radikalen Erziehungskritik , 1997.

G
  • Entgendern:
  • y & ys 👈
  • Gendern:
  • :innen
  • *innen
  • _innen
  • /innen
  • Zum Spaß:
  • 🏳️‍🌈innen
  • ✨innen
  • 💕innen